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Dionysos:

in Cumhachd - Damhain Alla: 02.02.2010 07:12
von Atlan • Nexar | 14.588 Beiträge

Die Zeit der Zivilisation:

Die Gesellschaft ist geformt; es gibt unter den Menschen Integrität in einem legislativen System
- Arme wie Reiche, Politik und Handel blühen, mal mehr und mal weniger.

Die Herrschenden betreiben Abkommen und Kriege mit entfernten Ländern,
setzen Spiele, Theater und Prunkbauten in die Städte,
um sich die Gunst ihres Volkes und ihrer Götter zu sichern
und um vor den benachbarten Ländern mit ihrem Fortschritt zu protzen.

In dieser Zeit brach ein Gott den Schleier
der scheinbar gefestigten und künstlich zufrieden gestellten Gesellschaft auf.

Mit einem Wort wurden die Grundfesten der sittlichen Ethik
und der Moral ins Wanken gebracht, Herrscher verängstigt
und der ganze Olymp in Aufruhr gebracht.

Der Schrei, der weit über die Grenzen des hochkulturellen Athens schallte: Dionysos.



Um diesen efeuumrankten Gott gibt es endlos viele Sagen und Geschichten,
die ein einziger Schreiber nicht zu schreiben vermag.
Dennoch möchte ich hier versuchen, etwas weiter in die Tiefen
des bodenlosen Ozeans zu tauchen, um manches Verborgene neu zu entdecken.

Einige werden vielleicht das Bild eines vom Wein berauschten Gottes
vor ihrem geistigen Auge sehen, der lächelnd unter einem Baum einen Reigen beobachtet.

Doch dieses Bild sollte schnell erlöschen,
denn keinesfalls ist dieser Gott ein selbstzufriedener Trunkenbold,
noch ein unattraktiver Lüstling.

Wenn wir nun die Mythen näher betrachten, so wird vielleicht ein neuer Heros entstehen,
der sich in den Köpfen unserer Zeit manifestiert.
Dies sollen meine Intention und mein Bestreben sein.

Eines muss ich aber noch erwähnen, bevor ich ganz in dieses Thema einsteigen werde.
Einige Aspekte in den Geschichten dieses Gottes werde ich aufgrund der Fülle
und zugunsten der Überschaubarkeit kürzen müssen.

Wer auf ein relativ lückenloses Werk des Dionysos zurückgreifen möchte,
dem empfehle ich Kerényi’s „Dionysos“ mit einem guten Mythologielexikon
und den Werken von Mircea Eliade und Walter F. Otto gepaart
– man kommt hierbei auf vierstellige Seitenzahlen voll mit Informationen und das,
ohne Sekundärliteratur anzurühren.



Der Name „Dionysos“ hat unterschiedliche Übersetzungen erfahren.
Zum einen wird er als „der zweimal Geborene“ bezeichnet,
wobei im Altgriechischen solch eine Übersetzung kaum nachzuvollziehen wäre.

Andererseits wurde Δίος als Genitiv des Zeus gesehen,
das Glied „nysos“ könnte auf seinen Geburtsort Nysa hinweisen
– ein Berg, der nach Dionysos’ Amme benannt wurde,
es wird aber auch über die Stadt Nysa am Mäander in Kleinasien spekuliert.

Ebenso wird vermutet, dass sich das Wort „Sohn, Kind“ in der letzten Silbe verbirgt
und Dionysos somit als „Sohn des Zeus“ übersetzt werden könnte,
was allerdings etymologisch nicht sehr schlüssig erscheint.

Die Verwendung des Zeus in seinem Namen könnte man auf zwei Dinge zurückführen.
Erstens ist Zeus der Vater des Dionysos
(wodurch wahrscheinlich die Fantasie der Geschichtsschreiber für den „Sohn des Zeus“ angeregt wurde),
zweitens könnte man Zeus auch als Titel eines Herrschers ansehen,
wie dies unter anderem bei Hades der Fall ist (einer seiner Beinamen lautet „unterirdischer Zeus“).

Demzufolge könnte man Dionysos auch als „Herrscher über Nysa“ oder „Zeus von Nysa“ deuten.

Weitere Deutungsmöglichkeiten bestehen, wenn man „nysos“ mit Nyx, der Nacht, interpretiert.
Diese Vermutung klingt ebenfalls schlüssig und wird klarer,
wenn wir uns mit dem Wesen des Dionysos beschäftigen werden.

Entsprechungen besitzt der Dionysos im Zagreus, Bacchus,
Iakchos und Sabazios, um nur einige vorab zu nennen.


Die zweimalige Geburt:


Die Geburt des Dionysos war den Mythen zufolge ein schwerwiegendes Unterfangen.
Es heißt, Zeus habe sich mit einer Sterblichen, Semele von Theben, geliebt.
Hera wurde zornig und überredete Semele zu einer List:
Sie sollte ihrem Geliebten den Schlafplatz verwehren,
wenn er sich ihr nicht offenbaren würde.
Nur so könne sie sicher sein, dass sie nicht von einem Betrüger geliebt werde.

Dies tat die Semele, als am nächsten Tag der Zeus zu ihr kam.
Dieser erzürnte und zeigte sich in seiner wahren Gestalt, als Blitz.
Der Blitz verzehrte Semele und ließ ihren ungeborenen,
inzwischen 6 Monate alten Sohn zurück.

Zeus ließ sich das Kind in seinen Schenkel einnähen
und gebar 3 Monate später den Dionysos,
somit wurde aus Dionysos der „Zweimalgeborene“.

Die endgültige Geburt des Dionysos durch Zeus
brachte ihm vollkommene Göttlichkeit als Kind einer sterblichen Mutter ein, heißt es weiter.

Dies könnte man gut als Einfügung betrachten,
denn es wäre undenkbar für die Griechen gewesen,
wenn ein Halbgott in den Olymp aufgestiegen wäre.

Dennoch hieß es, dass der Zorn der Hera weiterhin auf diesen Sohn lastete.
Somit wurde veranlasst, dass Dionysos versteckt wurde.
Er wurde zu den Nymphen auf dem Berg Nysa gegeben und von ihnen erzogen.

Auch wurde er, wenn die Hera zu nah am Ziel ihrer Rache war,
einige Zeit in ein Zicklein verwandelt und in einer Höhle gehalten.

Dieses Versteckspiel erleben wir später in den verschiedenen Taten des Dionysos.
Besonders seine Tierepiphanien schienen auf sein Heranwachsen zu beruhen
- jedenfalls ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich die Griechen wohl so erklärt hatten.



Der geschichtliche Ursprung, fernab der Mythen, sieht aber scheinbar ganz anders aus.
Es wird davon ausgegangen, dass Dionysos aus Thrakien oder Phrygien stammen könnte.
Dennoch gibt es gestützte Aussagen, dass Dionysos aus der mykenischen Zeit
(ca. 1600 v.u.Z., die späte Bronzezeit bei den Festlandgriechen) entstamme,
wo eine Tontafel mit dem Namen di-wo-nu-so-jo gefunden wurde.

Dagegen sprechen allerdings die Aufzeichnungen antiker Schriftsteller.
Herodot spricht von Dionysos als „später eingeführt“,
Euripides lässt in seinem Werk „Die Bakchantinnen“
den „Pentheus“ von einem spät gekommenen Gott sprechen.

Außerdem gibt es Vermutungen, die den Ursprung des Dionysos
in die minoische Zeit auf Kreta legen.
Man findet enorm viele Parallelen mit den heute bekannten Kulten
im bronzezeitlichen Kreta und dem Wesen des Dionysos.
Nicht nur die rituelle Opferung eines Stieres durch Priesterinnen ist hier vertreten,
ebenso findet man Gipfel- und Höhlenheiligtümer,
wie sie auch in den Geschichten um Dionysos beschrieben worden sind.

Der Dionysos-Zagreus.

In einem gewissen Alter wurde Dionysos schließlich von Hera entdeckt.
Sie sandte einige Titanen aus, um ihn töten zu lassen.

Diese brachten den Zagreus, wie er hier genannt wird,
verschiedene Gegenstände mit und versprachen ihm wundersame Gaben,
um ihn aus seiner Höhle heraus zu locken.

Durch einen Spiegel wurde die Aufmerksamkeit des Gottes erregt
und er begann sich zu betrachten.
In diesem Moment schlugen die Titanen zu.

Er wehrte sich, indem er sich abwechselnd in Tiergestalten verwandelte und kämpfte.
Die Titanen zerrissen jedoch den Zagreus als Stier,
kochten sein Fleisch in einem Kessel, rösteten ihn über Feuer und verschlangen ihn.

Das Herz aber wurde von Rhea gerettet, in einem Korb verborgen
und zu einem Schrein gebracht, wo dann der Dionysos wiederbelebt wurde.

Diese Geschichte wird in ganz unterschiedlichen Variationen erzählt.
Ebenso ändern sich die Götter, die die Überreste des Gottes wegtrugen.
Was man aber in dieser Geschichte erkennen kann, ist eine Initiation.

Der Spiegel kann einerseits als Symbol der Anderswelt gesehen werden,
andererseits kann man auch sagen, dass der Zagreus
seine „andere Hälfte“ in dem Spiegel erkennt.

Um sich mit dem Spiegelbild zu verbinden, muss die Zerstörung des Wesens folgen,
damit das andere Selbst vollkommen integriert werden kann.

Die Symbolik des Kessels und dem des Feuers
als Bild der Transformation sind weitere Anhaltspunkte, die auf eine Initiation schließen lassen.
Solche Riten findet man bereits in archaischen Zeiten,
was wiederum eine Andeutung auf die Herkunft des Dionysos sein könnte.


Neben dieser Geschichte heißt es auch noch, dass der erste Weinstock
aus dem Blut oder der Asche des Dionysos-Zagreus entsprungen sein soll.

Dadurch können wir annehmen, dass der Gott nach dieser Initiation
erst zum mächtigen Fruchtbarkeitsgott geworden ist.

Ebenso lässt sich die Theorie aufstellen,
dass Dionysos durch die Initiation „titanoide“, also riesige Kräfte, erwarb,
als er von den Titanen verspeist wurde.

Die Tatsache, dass Zeus sie mit einem Blitz vernichtet hätte,
ist lediglich von soziokulturellem Interesse.

Man drückte so vielleicht eine Inakzeptanz gegenüber dem Kannibalismus aus,
vielleicht spiegelte diese Handlung auch nur die Vaterrolle des Zeus
gegenüber dem Dionysos-Zagreus wider.
Somit spielt dies kaum eine Rolle für den Dionysoskult an sich.

Die verschiedenen Geschichten über die Geburt des Dionysos,
vor allem die Variationen seiner Mütter,
sind vermutlich verschiedenen Epochen zuzuordnen,
dennoch geben sie einen interessanten Aspekt des Dionysos wieder:

Der Gott muss sehr vielschichtig gewesen sein, hätte er mehrere Mütter haben können.
Vordergründig wird Persephone erwähnt, aber auch Lethe, Dione, Io und Demeter.

Letztere können leicht mit der Fruchtbarkeit, aber auch mit
dem Opferkult des Dionysos in Verbindung gebracht werden,
worüber im zweiten Teil dieser Serie zu lesen sein wird.

Wichtig ist hier vor allem die Tatsache, dass er keinesfalls nur als Weingott verehrt wurde,
sondern vor allem als Gott der Fruchtbarkeit in allen Facetten, selbst im Tod.

Der Weingott:

Dionysos wird als der Gott des Weines, wie auch der Fruchtbarkeit,
der Freude und Ekstase bezeichnet.
Dies ist wahrscheinlich der Grund dafür, dass einige die Vorstellung
eines ständig betrunkenen Mannes vor sich haben, wenn sie an diesen Gott denken.

Ebenso seien die Mänaden und die Satyroi, die im Gefolge des Dionysos sind,
ständig betrunken, so dass sie ihre vermeintlichen Untaten
nur so begangen haben könnten.

Das scheint mir ein riesiger Irrtum zu sein,
auch wenn in seinen Geschichten immer wieder auf den Wein eingegangen wird.

Wir können hier von mehreren Fakten ausgehen.
Zum einen wurde im antiken Griechenland der Wein stets mit Wasser
in einem Verhältnis von zirka 2 Teilen Wein zu 5 Teilen Wasser verdünnt.

Die praktische Erfahrung hat auf jeden Fall gezeigt,
dass dieses Getränk eher an Eistee erinnert und keinesfalls zum Vollrausch führt,
es sei denn, man mag etwa 3 bis 4 Liter davon trinken.

Zum anderen wird zu seinen Festen, jedenfalls in der ländlichen Gegend,
der neue Wein gefeiert.
Dieser Wein, der dort genossen wurde, hatte maximal
die Kraft von frischem Federweißer (ca. 4 Prozent Alkohol),
jedoch handelte es sich aller Wahrscheinlichkeit nach eher um Most
(ca. 1 Prozent Alkohol).

Dieses Getränk macht solch einen Rausch
, bei dem ohne Reue vergewaltigt oder getötet wurde, sicherlich unmöglich.

Diese Sagen müssen wohl hier einen anderen Ursprung haben,
auf den wir noch eingehen werden.


Der Wein, so heißt es, soll ursprünglich keine Erfindung der Griechen gewesen sein.
Es wird gesagt, dass der erste Wein an der südlichen Küste
des Schwarzen Meeres angebaut wurde.
Von da aus soll er sich über Libyen und Palästina bis nach Kreta ausgebreitet haben.

Daraus könnte man schlussfolgern, dass dieser Weg des Weines
auch der Weg des Dionysos gewesen sein kann.
So gab es angeblich auch in Libyen eine Stadt Nysa,
wo Dionysos unter seinem thrakischen Namen Bassareus verehrt worden sein soll.
Es lässt sich vermuten, dass die Namensgeber des Dionysos
um diese Kultivierung des Weines wussten.
Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass es sich hier lediglich
um eine Theorie handelt, die wahrscheinlich nicht bewiesen werden kann.

Laut den meisten Geschichtsschreibern wurde der Wein
im heutigen Iran erfunden.
Dort wurden die Trauben einst im Keller des Königs eingelagert
und begannen dann zu gären.
Die Königin, die sich durch ihre Migräne geplagt in den Tod bringen wollte,
trank den Saft der vergorenen Trauben.
Nur starb sie nicht, sondern wurde von ihrer Migräne befreit
und fand außerdem ein lieblich schmeckendes Getränk vor: den Wein.

Diese kleine Geschichte ist vielleicht nicht wirklich die Erfindung des Weines,
aber genau so könnte es passiert sein.
Was an dieser Erzählung allerdings äußerst interessant ist,
ist der Wein als Heilmittel.

Medizinisch belegt scheint lediglich der positive Effekt
auf das Herz-Kreislauf-System, da der Alkohol und die Phenole
Verklumpungen der Blutplättchen auflösen, die Gefäße weiten
und somit das Risiko eines Herzinfarktes senken.

Im antiken Griechenland fand der Wein jedoch auch Einsatz bei Kopfschmerzen,
innerer Unruhe und Schlafstörungen.

Auch die Verwendung als allgemeines Analgetikum war wohl bekannt,
wie auch die fördernde Wirkung auf das Verdauungssystem.
Die Tatsache, dass diese Wirkungen in Griechenland bekannt waren,
macht Dionysos somit auch zu einer Art von Heilgott.



Aber das ist noch lange nicht alles, wenn man den Einsatz des Weines
bei rituellen Zeremonien bedenkt.
Nach der Bekanntheit des Weines in Griechenland wurde das ursprüngliche Ritualgetränk
– aller Wahrscheinlichkeit nach soll es sich wohl um Met gehandelt haben – verdrängt.

Die Griechen müssen also sicher gewesen sein,
dass die Götter dem Wein wohlwollend zugetan wären,
was ebenso für ein hohes Ansehen des Dionysos
innerhalb des Pantheons sprechen würde
und letztlich die Beziehung der Bevölkerung mit Dionysos verdeutlichen könnte.

Man darf aber keineswegs behaupten, dass diese Beziehung
schon immer so gewesen sei, denn erst nach dem Aufstieg in den Olymp
wurde er auch von den Städtern zwangsläufig lückenlos anerkannt.



Die Satyroi und Mänaden als Verkörperungen eines prähellenistischen Kultes:

Als Begleiter des Dionysos finden sich mysteriöse Wesen,
die als Satyroi und Mänaden aufgeführt werden.
Die Satyroi sind männlicher Natur, die Mänaden waren ausschließlich weiblich.

Hier muss man aber deutlich unterscheiden,
denn wenn sie auch wie Brüder und Schwestern im Gefolge des Gottes weilten,
so sind sie beide recht unterschiedlich.

Die Satyroi gelten als Naturwesen, also eher wilde Geschöpfe,
die vielleicht an materialisierte Naturgeister erinnerten.
Hingegen waren die Mänaden ausdrücklich menschliche Frauen.

Es kann sogar behauptet werden, dass die Mänaden
eine Art Priesterinnen-Kult des Dionysos bildeten.
Das beschreiben die Taten der Mänaden,
die recht eindeutig auf rituelle Handlungen hinweisen.

Als Beispiel kann man das Zerreißen eines Stieres aufführen.
Diese Geschichte lässt sich auf den Mythos des Zagreus zurückführen,
wobei die Mänaden durch das Zerreißen des Stieres nicht nur
den Gott für die Fruchtbarkeit opferten, sondern ihm zu einer neuen Inkarnation verhalfen,
auf dass er sich ihnen als Dionysos offenbaren konnte.

Ebenso konnten sie mit den Thyrsoi
- den Stäben aus Riesenfenchel und einem Pinienzapfen, umrankt mit Efeu
– bestimmte Wunder hervorrufen, die auf die Präsenz des Dionysos hinwiesen.
Dies scheint ein weiterer Anhaltspunkt für den Priesterinnen-Kult der Mänaden zu sein.

Wenn wir nun auf die minoische Kultur zurückkommen,
finden wir die Priesterinnen wieder, die einen Stier opferten.

Insgesamt heißt es über beide Gruppen, dass sie in Trunkenheit grausame Dinge vollbracht hätten.
Was hier nun wirklich grausam gewesen sein sollte,
hängt natürlich mit den moralischen Vorstellungen der Erzähler zusammen,
aber davon abgesehen, haben die Satyroi und die Mänaden wohl unfassbare Dinge vollbracht.

Ob als Kriegsheer bei den späteren Reisen des Dionysos oder als unsittliche Wilde,
sie besaßen eine Natur, die die zivilisierten Hellenen wahrscheinlich nicht verstanden haben.

In ihnen gab es keine Moralvorstellungen, keine Sitte
und auch keine Manieren im herkömmlichen Sinne.
Sie waren nicht wild - vielleicht aber doch, wenn sie lediglich die andere,
unzivilisierte Seite der Hochkultur darstellten.

Die vermeintliche Trunkenheit war allem Anschein nach eine Ekstase,
wie wir sie aus schamanischen Riten kennen.
Es schien eine Art von Besessenheit – eine Gottberauschtheit
– über sie zu fallen, die es ihnen ermöglichte,
enorme körperliche und auch mentale Leistungen zu vollbringen.

Somit könnte man sagen, dass dieser ursprüngliche Priesterkult des Dionysos
vieles von der ältesten Kultur Griechenlands besaß,
bevor die Zivilisation in Form des Hellenismus über das Land kam.

Man könnte sogar behaupten, dass dieser „neue Gott“ ein durchaus ganz alter Gott ist,
der bereits vor Zeus seine Lager in Griechenland aufschlug.

In diesem Kult verkörpern die Mänaden und die Satyroi die Urvölker,
die von den Hellenen aus ihrem Land vertrieben worden sind und nun ihr Erbe zurückeroberten.

Fynn

Quellen:

Patmos Verlag (Hrsg.), Lexikon der Alten Welt Bd. 1, 2001
Mircea Eliade, Geschichte der religiösen Ideen, Bd. 1, 2002
ders., Schamanen, Götter und Mysterien, 1992
Karl Kerényi, Dionysos. Urbild des unzerstörbaren Lebens, 1982
Robert von Ranke-Graves, Griechischen Mythologie, 2008
Walter F. Otto, Theophania, 1993

James George Frazer, Der Goldene Zweig, 2004


Dateianlage:
. - Was Du aufdeckst, - offenbart sich . -

"Die Erlösung kann nicht verdient, nur empfangen werden, - darum ist sie die Erlösung". -

"Es ist alles Illusion, - was nicht aus mir selber spricht,
- denn es ist ein Zusatz, - dieses Eine nicht". -

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zuletzt bearbeitet 06.05.2014 02:05 | nach oben springen
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#2

Dionysos:

in Cumhachd - Damhain Alla: 02.02.2010 09:50
von Atlan • Nexar | 14.588 Beiträge

In der letzten Ausgabe der Damháin Alla schilderte ich verschiedene Betrachtungen
zu Herkunft, Geburt und den Begleitern des Dionysos.
Dieser darauf aufbauende Artikel setzt bei den Erlebnissen des Gottes an
und lässt uns einen kleinen Blick in den damaligen Kult des Dionysos riskieren.

Der Wahnsinn und sein Siegeszug:

Was wissen wir über den Gott?
Dionysos war ein Gott des Weines, der Fruchtbarkeit und Fülle.
Aber auch ein weiterer Aspekt wird immer wieder aufgezeigt,
wenn wir uns den Sagen wieder zuwenden.

So heißt es, dass Dionysos nach seinem Tod durch die Titanen
in die Unterwelt hinabgestiegen sei.
Dort trat er an die Seite der Persephone,
die ihn weiter beherbergte und zum Mann aufzog.
Rhea rettete sein Herz und belebte dadurch den Gott wieder.
Auf diese Weise gelangte er zur Erde zurück.
Weiter heißt es, dass Hera den Sohn des Zeus erkannte und ihn mit Wahnsinn strafte,
um ihre Rache doch noch zu vollenden.

Dieser Wahnsinn ist von recht großer Bedeutung für die weiteren Taten des Dionysos,
dennoch ist er wohl nicht klinisch zu verstehen.
Man kann durchaus bezweifeln, dass der Gott
durch diesen Fluch unzurechnungsfähig gewesen sei.

Wenn man die weiteren Geschichten betrachtet, kann man dieses Attribut des Dionysos
durchaus ausblenden und es sind genauso genommen
keine ungewöhnlichen Handlungen zu entdecken,
die nicht auch ein anderer Gott im griechischen Pantheon hätte vollbringen können.

Interessant ist jedoch der Wahnsinn im Zusammenhang
mit der damaligen griechischen Gesellschaft.

Ein solcher Gott, der in seinen Kulten unvorstellbare Verhaltensweisen
bei den Menschen auslöse, müsse doch wahnsinnig sein.
Anders konnte man sich die ausgelassenen Feiern
und die Sagen um die Mänaden wohl nicht erklären.

Einen weiteren Aspekt dieses Wahnsinns finden wir in
den Geschichten um die Kriegszüge des Dionysos.
Es heißt, der junge Gott fing an, durch die Länder zu ziehen,
um seinen Kult auszubreiten.

Er reiste nach Ägypten, wo er sich den Erzählungen nach
mit den dortigen Amazonen verbündete,
um in Libyen den König Ammon wieder einzusetzen.

Er zog mit seinem Gefolge, den Satyroi und Mänaden, weiter bis nach Indien
und von dort aus zurück über Phrygien nach Europa,
wobei er all seine Widersacher in die Flucht drängte.

Nachdem er wieder zurück in seine Heimat gelangt war,
nahm Rhea sich seiner an, wusch ihn von seinen Bluttaten rein
und weihte den Gott in ihre Mysterien ein.

In dieser Geschichte wird klar, dass Dionysos nicht nur ein verträumter
und unscheinbarer Jüngling gewesen ist,
sondern auch ein mächtiger Kämpfer und Kriegsherr.

Er „erobert“ gewissermaßen Länder und Städte, führt seine Riten ein
und gewinnt so an Macht und Einfluss.
In solchen Geschichten könnte man in einer gewissen Weise deutliche Anzeichen finden,
worauf es dem Dionysos und dem Kult ankam,
denn wollte er sich und seine Riten nun völlig anerkannt wissen,
musste er sich diesen Platz erkämpfen.


Theoretisch könnten diese Feldzüge gegen den Charakter des Dionysos sprechen,
der sonst als Menschenfreund und Erlöser gilt,
doch da mag sich der geneigte Leser nun irren.

Die Thesen vom archaischen Gotte werden weiterhin untermauert,
wenn man in dieser Geschichte nach Ethik und Moral des Gottes schaut.

Was in Geschichten als Ausschweifungen durch die rasenden Mänaden
angedeutet wurde, betrifft ebenso den Gott selbst:

Er gibt nicht nur Ekstase, er ist die göttliche Berauschtheit.
Moral kann man bei ihm so viel finden, wie man sie wahrscheinlich
bei einem in völlige Trance geratenen Schamanen finden kann.

Die Mittel sind ausgeblendet und das Ziel wird fokussiert,
der Tunnelblick eines Berauschten.
Daher ist es durchaus vorstellbar, dass von den Griechen genau jenes,
in einer Zivilisation ungewöhnliche Handeln,
dem Wahnsinn zugesprochen werden musste,
um Dionysos als „ihren“ Gott anerkennen zu können.

Genau dazu dient auch die Waschung.
Die Reinwaschung des Gottes durch die Rhea
könnte dafür ein deutliches Zeichen sein.

Wenn jemand von der großen Mutter des Zeus gewaschen
und in ihre Mysterien eingeweiht wurde,
musste er doch genauso ebenbürtig werden, wie die anderen Olympier auch.

Durch viele andere Sagen und Legenden können wir Dionysos als
einen den Menschen zugewandten Gott kennen lernen.
Er offenbart sich scheinbar direkt, nur bei seinen Feinden
tritt er gelegentlich in anderen Gestalten auf.

Er schenkt seinen Verehrern göttliche Taten und lässt sie an Wundern teilhaben.
Er verzaubert Materie, lässt Wein- und Milchströme fließen
und verleiht seinem Gefolge ungeahnte und übermenschliche Kräfte.
Somit ist er der Kraftstrom unbändiger Natur, die in die Zivilisation einzieht.

Das allein kann schon Grund genug gewesen sein, um ihn als wahnsinnig zu betrachten,
denn er spaltete die Gesellschaft.
Und dies tat er so bewusst und mächtig, dass später die griechischen Herrscher
über den Kult nicht mehr hinwegsehen konnten.

Die Verbote des Kultes mussten verschwinden,
sonst hätte den Mächtigen eine eventuelle Revolution gedroht.
Dies ist vielleicht einer der Gründe, warum ihm die Griechen
schlussendlich einen Sitz im Olymp zusprachen.

Was ist aber nun dieser Wahnsinn?
Vielleicht war es wirklich ein Fluch der Hera,
die ihm eine ambivalente Wirkung auf die Menschen zukommen ließ.

Doch in den Geschichten um Dionysos kann man auch
andere Begründungen für diesen Wahnsinn entdecken.
Vieles könnte auf eine besondere Wirkung der archaischen Riten hindeuten.

In diesen ging es immer wieder um ein Loslassen
von zivilisatorischen Errungenschaften und Zwängen, um gereinigt zu werden
und in eine andere Bewusstseinsebene einzutreten.
Diese Reinigung wurde durch Tänze hervorgerufen,
die meist in einem Kreis um ein Totem oder anderes symbolisches Verbindungsglied,
wie zum Beispiel einen Phallos, aufgeführt wurden.

Ähnliche Tänze finden wir in schamanischen Traditionen
und in archaischen Kulturen wieder.
Diese Form der Ekstase erinnert sehr an das Verhalten der Mänaden,
die sich der Berauschtheit völlig hingaben
und eins mit einer Art von Freiheit und Naturverbundenheit wurden,
die man sonst eher vergeblich in den Kulten der anderen griechischen Götter findet.

Daher könnte die Verfluchung durch Hera für die griechische Gesellschaft
eher eine „göttliche“ Erklärung für die zivilisationsfernen Kulte des Dionysos sein
als ein vermutlich heiliger und ritueller Hintergrund, der älter ist, als die Olympier.

Kult, Feste und Mysterien:

Die Anfänge des Dionysoskults lassen sich nicht genau datieren,
doch wie im ersten Artikel beschrieben, gibt es Indizien,
dass eine ähnliche Form der Kulthandlungen bereits um das 2. Jahrtausend v.u.Z.
in der minoisch-mykenischen Kultur vorhanden war.

Schriftliche Zeugnisse sind so gut wie nicht existent
und müssten wahrscheinlich auch genauestens selektiert werden,
da die öffentlichen Veranstaltungen der Dionysosfeste
kaum noch etwas mit dem Mysterienkult gemeinsam zu haben schienen.

Wenn wir also etwas über den Kult erfahren wollen,
müssen wir vor allem auf ihre Riten und Feste zurückgreifen,
wobei wir uns sehr stark an den Mythen orientieren sollten,
um vielleicht einige wenige Aspekte der ursprünglichen Dionysischen Mysterien zu entdecken.

Gut detaillierte Schilderungen finden wir zum Beispiel über die Festlichkeiten in Athen.

Eines der großen Feste des Dionysos sind die Anthesterien.
Sie wurden nach unserem Kalender um den 2. Februar gefeiert,
traditionell beliefen sie sich auf drei Tage und Nächte um den Vollmond.

Der erste Tag nannte sich Pithoigia, benannt nach den Weinkrügen (Pithoi),
in denen der Wein seine Reife erlangte.
Die Anthesterien fallen in die Blütezeit,
daher wird dieses Fest auch als Blütenfest verstanden,
da Dionysos aus der Unterwelt empor steigt und in einer Barke auf das Land übersetzt.

Es war der neugeborene Dionysos, der sich
von seiner Zerreißung durch die Titanen erholt hatte und nun
mit neuer Lebenskraft auf die Erde zurückkehrte.

Die Reise des Dionysos aus der Unterwelt zu seinem Heiligtum
wurde mit einem riesigen Festzug nachgespielt,
wobei tausend tanzende und musizierende Satyroi
den Zug bis zum Tempel begleiteten, was aller Wahrscheinlichkeit nach am Choes,
dem zweiten Festtag, stattfand.

Ebenso wie mit dem Erscheinen des Gottes verhielt es sich mit dem Wein,
der nun aus den Kellern in das Licht gehoben wurde,
da er in der Dunkelheit bis zu den Feiern zur vollen Reife gelangte.
Das Öffnen des neuen Weines war eines der Hauptbestandteile dieser Feier.
Er wurde von einem Priester zeremoniell mit Wasser gemischt
und die ersten Schlucke als Trankopfer dem Dionysos dargebracht.
Wenn man dies nicht tat, so hieß es, setzte man sich der Willkür des Gottes aus.

Der zweite Tag hieß Choes, nach den damaligen dreiblättrigen Weinkrügen benannt,
die ungefähr 3,2 Liter fassten.
An diesem Tag fanden viele Wettkämpfe statt, der wichtigste aber war das Wetttrinken.
Bei diesem Wettkampf wurden die Choes gefüllt und wer als erstes diesen Krug geleert hatte,
gewann meist einen Weinschlauch.
Gleichzeitig war dieser Tag für die Kinder besonders wichtig,
da sie ihren ersten Weinkrug geschenkt bekamen und an den Riten teilnehmen durften.
Diese Begebenheit war gleichzusetzen mit einer Initiation in die Kultgemeinschaft,
von nun an durften sie an den Kultfestivitäten teilnehmen.
Die Kinder waren zu diesem Zeitpunkt etwa drei Jahre alt und ihnen
wurde der Segen des Dionysos für ihr weiteres „Heranreifen“ geschenkt.


Für den Kult und die Mysterien des Dionysos fand allerdings ein anderes,
wesentlich wichtigeres Ereignis an diesem Tag statt.
Nachdem der Dionysos in seiner Barke am Tempel angekommen war,
gesellte sich die Basilinna zu ihm, die Frau des Archon Basileus
(der oberste Priester der Stadt mit königlichem Rang).
Von nun an galt die Basilinna als Braut des Dionysos.
Sie traten ihren Zug weiter zum Bukoleion, der alten Königsresidenz, an
und vollzogen dort den Hieros Gamos, die Heilige Hochzeit.

Obwohl sich die Quellen unschlüssig über den eigentlichen Vorgang
und den Nutzen dieser Zeremonie sind, wurde der Hieros Gamos
zwischen Dionysos und der Basilinna als wichtigster Ritus der Anthesterien angesehen.
Niemand vermochte zu sagen, was sich in den Kammern abspielte,
dieses Wissen wurde geheim gehalten und galt als großes Mysterium des Dionysoskults.
Kein Geheimnis war es allerdings, dass die Basilinna
die Verkörperung der Ariadne gewesen sei, die göttliche Braut des Dionysos.

Ariadne ist die sagenumwobene Herrin des Labyrinths auf Kreta,
in dem der Minotaurus gefangen gehalten wurde.
Sie war damals noch sterblich und wurde dem Dionysos versprochen.
Allerdings verliebte sie sich dann in Theseus, dem sie ein Wollknäuel schenkte,
als dieser dem Minotaurus geopfert werden sollte.
Theseus tötete den Stierköpfigen und konnte
mit dem berühmten Faden der Ariadne aus dem Labyrinth entkommen.
Daraufhin nahm er Ariadne mit nach Naxos,
wo sie auf Geheiß von Dionysos schlafend dort ausgesetzt wurde, als Theseus weitersegelte.

Nun soll Dionysos die Ariadne endlich zur Frau genommen haben,
allerdings hielt die Verbindung nicht lang, denn sie war noch immer in Theseus verliebt.
Dionysos beklagte sich bei Artemis, die daraufhin Ariadne mit ihren Speeren tötete.
Dionysos reiste später in die Unterwelt und brachte Ariadne,
die durch den Tod zu einer Göttin wurde, auf den Olymp.
Es hieß, Ariadne hätte dem Dionysos vier Kinder geboren.

Dieser kurze Umriss der Geschichte um Dionysos und Ariadne reicht bereits,
um sich genauer mit der Ariadne im Ritus um die Heilige Hochzeit zu befassen.
Da sie die Herrin des Labyrinths in Knossos war, wurde sie als eine Königin angesehen.
Sie war eine etwas eigentümliche Art einer Hohepriesterin, dem minoischen Kult untergeben,
aber dennoch herrschend.

Durch dieses Amt war sie dem Dionysos versprochen, erfahren wir weiter.
Das könnte eventuell wirklich bedeuten, dass der minoisch-mykenische Kult von Kreta
der Ursprung des Dionysoskultes sein könnte.
Es gibt jedenfalls Theorien, dass der König Minos, Vater der Ariadne
und Bauherr des Labyrinths, doch nur Dionysos selbst gewesen sei.
Doch darum soll es uns nun nicht gehen.

Die Heilige Hochzeit zwischen Ariadne und dem Gott Dionysos
könnte die Vereinigung der Herrscher gewesen sein,
einen Bund, der ewig Bestand haben sollte.

Wenn sich also Dionysos mit der Herrscherin von Kreta vereinigte,
so vereinigte sich Dionysos auch mit Kreta selbst.
Da Ariadne dem Dionysos versprochen wurde,
wie die Hohepriesterin dem Gott im minoischen Kult versprochen war,
kann Dionysos meiner Meinung nach nur der Gott sein,
der von den Menschen in Kreta durch den Stierkult angebetet wurde.

Die Opferrituale sind den Opferriten der Mänaden zu ähnlich,
als dass wir diese Heilige Hochzeit anders hätten deuten können.
Dionysos offenbarte sich den Kretern und nahm seine Anvertraute zu sich,
um mit ihr die Herrschaft zu teilen oder besser ausgedrückt:
um die beiden Herrschaften zu vereinen.

Was nun mit der Basilinna passierte oder welchen Sinn diese Vereinigung hatte,
lässt sich ganz einfach verstehen.
Dionysos verbündete sich mit dem Reich der Basilinna,
durch die Heilige Hochzeit wurde das Land zum Herrschaftsbereich des Dionysos,
es stand also direkt unter dem Schutz des Gottes.
Wenn durch diese Vereinigung ein Kind gezeugt wurde,
könnte es nur mehr die Bande zwischen den Menschen und dem Gott zum Ausdruck bringen.
Die Zukunft für die Stadt und das Wohlwollen des Dionysos waren gesichert.

Interessant ist neben all diesen Mysterien, Riten und Wettkämpfen,
dass die Frauen nicht zugelassen waren.
Aber gerade Dionysos war ein Gott der Frauen:
Er wurde von Frauen erzogen, hatte mehrere Mütter, sein Gefolge bestand vorwiegend aus Frauen.

Was geschah also mit den Frauen?
Viel wurde nicht darüber geschrieben, allerdings wissen wir von der Vasenkunst der Griechen,
dass sie sich in dieser Nacht zwischen Choes und Chytroi zurechtmachten.
Sicherlich erwarteten sie nicht ihre stark betrunkenen Männer,
welche irgendwann zur späten Stunde nach Hause kamen.
Auf vielen Malereien wird gezeigt, wie ein Satyr diese Frauen aus dem Haus hinausführt.
Wie es nun weiter ging, ist nirgends dargestellt.
Es geschah vielleicht etwas, was damals wohl üblich war,
niemand aber darüber geredet hätte.
Solche Geheimnisse wurden gehütet und vielleicht eines Tages
zu einer besonderen Stunde der Tochter oder der Enkelin anvertraut.

Vielleicht vernahmen sie in dieser Nacht der Anthesterien
den Ruf des Dionysos und vielleicht ging es hier um eine frühe Form
der Vereinigung zwischen Frau und gehörntem Gott…


Der dritte und letzte Tag der Anthesterien nannte sich Chytroi,
welches das Gefäß war, in denen die Totenspeisung angerichtet wurde.
Dieser Tag galt ausschließlich dem Gedenken an die Toten.

Da Dionysos aus der Unterwelt nun emporgestiegen war, ehrte man ebenso die Geister,
da die Pforte der Unterwelt nun geöffnet war.
Man bereitete am letzten Tag der Anthesterien ein Totenmahl vor,
welches aus Honig und Getreide bestand, und opferte es an den Altären.
Dieses Mal soll angeblich an das erste Essen nach der Deukalischen Flut erinnern,
welches Deukalion und Pyrrha zu sich nahmen.
Nach der Opferung und der Einnahme dieses Mals wurden die Toten,
die bei den Anthesterien zu Gast waren, wieder verabschiedet.
Die Anthesterien waren nun offiziell beendet.


Insgesamt gab es noch drei weitere Feste, über die kaum etwas bekannt ist.

Die „ländlichen Dionysien“ fanden im Dezember statt
und sind vom Charakter her sehr interessant.
Es wurde damals eine Prozession abgehalten,
bei welcher ein großer Phallos mit geführt wurde.

Dieser Brauch diente wahrscheinlich dazu,
mit Dionysos durch seinen Phallos in Kontakt zu treten.

Der Hintergrund ist folgender:
Eine Erzählung um die Wiederbelebung des Dionysos besagte,
dass durch Rhea nicht das Herz zum Schrein getragen wurde, sondern sein Phallos,
der nebenher noch eine Erklärung für seinen Fruchtbarkeitskult ist.
Es wurde weiterhin erzählt, dass eben dieser Phallos
in einem zugedeckten Getreidekorb (Liknon) transportiert wurde.
Der Phallos symbolisierte den Gott und seine Verbindung
zu der abgehaltenen Zeremonie und der griechische Getreidekorb war derselbe,
der zur Ernte des Weines benutzt wurde.


Der Phallos des Dionysos dient als eine Himmelsachse,
die in direktem Kontakt zum Gott stand.
Ebenso besaß das Grabmal des Dionysos die Form eines Phallos,
welcher wiederum den Kontakt mit dem Gott verdeutlichte.
Wenn man die Anrufungen und Tänze um den Phallos abhielt,
so erinnert das stark an andere archaische Fruchtbarkeitskulte aus ferner Zeit,
was auf die uralte Herkunft des Dionysos verweist.

Nur die kultischen Handlungen der Eingeweihten verbleiben weiterhin im Dunklen,
was sicherlich gewollt ist.
Wenn wir Dionysos und sein Gefolge betrachten, so mochte es bestimmt sein,
dass die Priester des Kultes ihre „freien“ Riten nur zu gerne
unberührt von der Öffentlichkeit praktizierten.
Bekannt ist allerdings, dass sich diese Priesterorden eigene Friedhöfe
mit geheimen Grotten angelegt hatten,
um ihren Kult sicher und geschützt zu praktizieren.


Dionysos – der Gott der Umkehrungen:

Dionysos ist ein faszinierender Gott, beispiellos in der griechischen Mythologie.
Um diesen Dionysos gibt es so viele verschiedene Geschichten,
dass ich wirklich nur selektieren konnte, um diese beiden Artikel zu schreiben
und sie dennoch auf ein dem Leser fassbares Maß zu kürzen.

Besonders prägnant ist die Widersprüchlichkeit dieses Gottes,
jedenfalls auf dem ersten Blick.
Denn dieser Gott dreht die Welt um, er ist ein Gott des „Reclaiming“
– des Zurückholens der alten Traditionen und Riten.

Er nimmt sprichwörtlich die zivilisierte Gesellschaft auf die Hörner
und versucht, sie wachzurütteln aus ihrem geordneten Leben.
Er verbreitet ungezügeltes und wildes Chaos,
was aber nicht zur Vernichtung und Unterdrückung seiner Kulte führt,
wie wir es aus anderen Religionen kennen.

Im Gegenteil! Er integriert sein Prinzip in das Leben der Menschen
und somit auch in ihren Glauben.

Die Fruchtbarkeitskulte, die Wildheit und die Natur setzen ihren Siegeszug fort
– die brave Hausfrau wird bestiengleich,
die wilde Verspieltheit wird ohne Scham hervorgeholt.
Wo Dionysos ist, bestehen keine Scham, keine Eitelkeit, keine Moral,
keine Gesetze und keine Grenzen.
Er ist der Gott, der alles umdreht und in die Waagschale legt,
um es anschließend zu zerreißen, wenn es nicht standhaft ist.

Er ist derjenige, der uns einen Spiegel vor den Augen hält,
und wir vergehen und zerreißen uns selbst,
damit wir in die Tiefen der Unterwelt reisen,
um neugeboren und göttlich wieder aufsteigen zu können.

Dionysos ist der Gott im Spiegel, zu dem wir uns sehnen.
Er ist der Gott, der ins Gegenteil verkehrt, das Spiegelbild und der Spiegel selbst.

Fynn


Quellen:
Karl Kerényi, Dionysos, 1994
Mircea Eliade, Schamanen, Götter und Mysterien, 1992
Robert Ranke-Graves, Griechische Mythologie, 2005
Friedrich Wilhelm Hamdorf, Dionysos-Bacchus, 1986
Walter F.Otto, Theophania

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zuletzt bearbeitet 06.05.2014 02:07 | nach oben springen
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