Die Göttin. - » Die grosse Göttin:
logo
#1

Die grosse Göttin:

in Die Göttin. - 25.05.2010 17:12
von Adamon • Nexar | 13.890 Beiträge

Große Göttin

Die Wiederentdeckung einer alten Religion:



Die Religion der Großen Göttin ist vielleicht die älteste Religion in der westlichen

Welt. Ihre Ursprünge reichen weiter zurück als das Christentum, Judentum und Islam,

weiter auch als Buddhismus und Hinduismus, und sie ist ganz anders als alle so

genannten großen Religionen. Sie steht in ihrem Geist den Traditionen der

amerikanischen Eingeborenen oder dem Schamanismus der Arktis näher. Sie gründet

sich weder auf Dogmen oder Glaubensregeln noch auf von einem Weisen offenbarte

Schriften oder ein heiliges Buch. Der Glaube an die Große Göttin bezieht seine Lehren

aus der Natur und erfährt seine Inspiration aus den Bewegungen von Sonne und Mond,

aus dem Flug der Vögel, dem langsamen Wachsen der Bäume und aus dem Wandel der

Jahreszeiten. Das ursprüngliche Symbol für das »Unsagbare« ist die Göttin. Sie hat

unendliche Eigenschaften und Tausende von Namen. Sie ist die Wirklichkeit hinter vielen

Metaphern. Sie ist Wirklichkeit, die offenbarte Gottheit, allgegenwärtig in allem

Lebendigen, in jedem Menschen. Die Göttin ist nicht von der Welt getrennt - sie ist

die Welt, und sie ist alles in ihr: Erde, Sterne, Steine, Samen, fließender Strom, Wind,

Welle, Blatt und Ast, Knospe und Blüte, Reißzahn und Klaue, Frau und Mann.

Die Göttin - alt und urzeitlich; die erste der Gottheiten; Schutzherrin des

steinzeitlichen Jägers und des ersten Sämanns; unter deren Lenkung die Herden

gezähmt, die heilenden Kräuter erstmals entdeckt wurden; in deren Gestalt die ersten

Kunstwerke geschaffen wurden; der die ersten Steinsetzungen geweiht waren; die zu

Gesang und Dichtung inspirierte - erlebt heute mehr als eine Renaissance. Sie wird

nicht nur erneuert, sondern wiedergeboren, neu geschaffen. Vor allem Frauen drängen

zu diesem neuen Phänomen und erwecken die Göttin wieder, die Vorstellung von der

»Legitimität und Wohltat der weiblichen Macht«. Ihre Bilder definieren keine Sammlung

von Attributen oder nageln sie fest; sie lösen Inspiration, Schaffensfreude,

Fruchtbarkeit des Geistes und der Seele aus.

Das Bild der Göttin inspiriert Frauen, sich selbst als göttlich, den Körper als geweiht,

die wechselnden Phasen des Lebens als heilig, die

Aggression als gesund, den Zorn als reinigend und die Macht, zu stillen und zu gebären,

aber notfalls auch zu begrenzen und zu zerstören, als die eigentliche Kraft zu

betrachten, die alles Leben erhält. Durch die Göttin können Frauen die Stärke

entdecken, den Geist erleuchten, sich den Körper zu eigen machen und die Gefühle

annehmen. Sie können aus den einengenden Rollen ausbrechen und sie selbst werden.

Auch für Männer ist die Göttin wichtig. Die Unterdrückung des Mannes in dem

von Gott Vater beherrschten Patriarchat ist vielleicht weniger offensichtlich, aber nicht

weniger tragisch als die der Frauen. Das Symbol der Göttin erlaubt den Männern, die

weibliche Seite ihrer Natur, die oft als tiefster und empfindsamster Aspekt des Selbst

empfunden wird, zu erfahren und zu integrieren.

Die Liebe zum Leben in jeder Gestalt ist die Grundethik der Religion der Großen

Göttin. Alle lebenden Dinge sind zu ehren und zu achten. Dies erkennt an, dass

Leben Leben nährt und dass wir töten müssen, um zu überleben, aber das Leben

wird nie unnötig zerstört, nie verschwendet oder vergeudet. Den Lebenskräften zu

dienen bedeutet, daran zu arbeiten, dass die Vielfalt des natürlichen Lebens bewahrt,

die Vergiftung der Umwelt und die Zerstörung der Arten verhindert werden.

Die Welt ist Manifestation der Göttin, doch nichts in dieser Vorstellung muss

Passivität fördern. Das, was in der Welt geschieht, ist lebenswichtig. Die Göttin ist

immanent, aber sie braucht Menschenhilfe, um sich in ihrer vollen Schönheit zu

entfalten. Das harmonische Gleichgewicht bei der Wahrnehmung von Pflanze und

Tier, Menschlichem und Göttlichem ist nicht selbstverständlich, sondern muss

ständig neu hergestellt werden, und dies ist die eigentliche Aufgabe der Rituale. Innere

Arbeit, spirituelle Arbeit ist am wirksamsten, wenn sie Hand in Hand mit äußerem

Wirken voranschreitet. Die Meditation über das Gleichgewicht der Natur kann als

spiritueller Akt betrachtet werden, aber nicht in dem Sinn wie das Beseitigen von Müll,

der auf einem Lagerplatz hinterlassen wurde.

Die Mutter Göttin erwacht zu neuem Leben, und wir können allmählich unser Erstgeburtsrecht

wiedererlangen, die reine, berauschende Freude am Leben. Wir können

die Augen öffnen und neu erkennen lernen, dass nichts vor dem Universum gerettet

und nicht gegen es gekämpft werden muss, dass wir keinen Gott außerhalb der Welt

fürchten und keinem gehorchen müssen. Nur die Göttin, die Mutter, die gewundene

Spirale, die uns ins Sein hinein- und aus ihm herausführt, deren blinzelndes Auge der

Puls des Seins ist - Geburt, Tod, Wiedergeburt -, deren Lachen alle Dinge vibrieren

lässt und die nur über die Liebe zu finden ist: Liebe zu den Bäumen und Steinen, zu

Himmel und Wolken, zu duftenden Blüten und tosenden Wellen, zu allem was

keucht und fleucht und schwimmt und sich auf ihrem Antlitz regt; über die Liebe zu

uns selbst, die lebenlösende, Welterschaffende orgastische Liebe zueinander; jeder von

uns einzigartig und naturgegeben wie eine Schneeflocke, jeder sein eigener Stern, ihr

Kind, ihr Liebhaber, ihr Geliebter, ihr Selbst.

Das vorliegende Büchlein baut sich um die Elemente auf, die nach meinem Gefühl

unter den verschiedenen Überlieferungen der Religion der Großen Göttin am

beständigsten sind.

Die Vorschläge sollen aber nicht sklavisch befolgt werden, sondern es wird vielmehr

eine Art musikalisches Leitmotiv angeboten, mit dem improvisiert werden kann.



Weltsicht der Religion der Großen Göttin



Schöpfungsmythos

»Allein, ehrfurchtgebietend, in sich ruhend flutete die Göttin, Sie, deren Name

unaussprechlich ist, in den Abgrund der äußeren Finsternis, vor dem Anbeginn aller

Dinge. Und als sie in den gewölbten Spiegel des schwarzen Raumes blickte, erkannte sie

darin ihr strahlendes Bildnis und verliebte sich in es. Durch die Kraft, die ihr

innewohnt, zog sie es hervor, vereinigte sich liebend mit ihm und nannte es »Miria, das

Wunderbare«. Ihre Ekstase brach hervor als Lied über alles, was ist und war und sein

wird, und mit dem Gesang kam Bewegung, entstanden Wellen, die herauswirbelnd zu

den Sphären und Kreisen aller Welten wurden. Die Göttin wurde von der Liebe erfüllt,

sie ward rund und warm vor Liebe und gebar einen Regen leuchtender Geister, welche

die Welten erfüllten und zu Geschöpfen wurden. Doch in der großen Bewegung wurde

Miria hinweggespült, und mit der Trennung von der Göttin ward sie immer männlicher.

Zuerst war sie der Blaue Gott, der sanfte, lächelnde Gott der Liebe; dann der

weinblattumschlungene Grüne Gott, der in der Erde verwurzelte, der Geist aller wachsenden

Dinge. Schließlich wurde Sie zum Gehörnten Gott, zum Jäger, dessen Antlitz der

roten Sonne gleicht und doch finster ist wie der Tod. Doch immer zieht ihn

Sehnsucht zurück zu der Göttin, so dass er sie ewig umkreist, trachtend, in Liebe

wiederzukehren. Alles hat seinen Ursprung in der Liebe. Alles sucht zur Liebe

zurückzukehren. Liebe ist das Gesetz, die Mutter der Weisheit, die große

Offenbarende der Mysterien.«

(Mündliche Überlieferung aus der Feentradition des Hexenglaubens)

Dieser Mythos zeigt deutlich die Haltung des Staunens gegenüber der Welt, die

göttlich ist, und gegenüber dem Göttlichen, das die Welt ist. Im Anfang ist die

Göttin das All, die Jungfrau, das heißt vollendet in sich selbst. Sie wird Göttin

genannt, doch könnte sie ebenso gut Gott heißen - noch ist das Sexuelle nicht ins

Dasein gelangt. Noch gibt es keine Trennung, keine Teilung - nichts als die

ursprüngliche Einheit. Doch die weibliche Natur des Seinsgrundes wird

beansprucht, weil der Schöpfungsprozess, der sich jetzt ereignet, ein Geburtsvorgang ist.

Die Welt wird geboren, nicht gemacht und nicht ins Dasein befohlen.

Die Göttin sieht ihr Abbild im gewölbten Spiegel des Raumes, was ein magischer

Einblick in die Gestalt des Universums sein könnte, in den gewölbten Raum der

modernen Physik. Der Spiegel ist ein altes Attribut der Göttin, laut Robert Graves in

ihrer Erscheinung als »die alte heidnische Meeresgöttin Marian ..., Miriam, Mariamne,

Myrrhine, Myrtea, Myrrha, Maria oder Marina, Schutzherrin der Dichter und

Liebenden und stolze Mutter des Bogenschützen der Liebe ... häufige Verkleidung der

Marian ist die Meerjungfrau ... die konventionelle Gestalt der Meerjungfrau - eine

hinreißend schöne Frau mit Fischschwanz, rundem Spiegel und goldenem Kamm -

bedeutet >die Liebesgöttin entsteigt dem Meere<.

Es gibt einen weiteren Aspekt des Spiegels: Ein Spiegelbild ist ein umgekehrtes Bild,

gleich, aber seitenverkehrt, die umgekehrte Polarität. Das Bild drückt das Paradoxon

aus: Alle Dinge sind eins, und doch ist jedes Ding für sich, individuell und einzigartig.

Die östlichen Religionen haben meist den ersten Teil des Paradoxons im Sinn und

vertreten die Auffassung, dass in Wirklichkeit alle Dinge eins sind und dass Trennung

und Individualität Illusionen darstellen. Westliche Religionen betonen die Individualität

und glauben meist, dass die Welt aus festen und einzelnen Dingen besteht. Die

westliche Auffassung ermutigt individuelles Streben und Engagement in der Welt. Die

östliche Auffassung fördert Rückzug, Kontemplation und Mitgefühl. In der Religion

der Großen Göttin sind beide Auffassungen gleich wertvoll. Sie spiegeln sich

gegenseitig und ergänzen einander. Sie stehen nicht im Widerspruch zueinander. Die

Welt der getrennten Dinge ist die Spiegelung des einen; das Eine ist Spiegelbild der

Myriaden getrennter Dinge der Welt. Wir alle sind Wirbel derselben Energie, doch

jeder Wirbel ist einzigartig in seiner Gestalt und seiner Gesamterscheinung.

Die Göttin verliebt sich in sich selbst und zieht ihre eigene Ausstrahlung hervor, die

ein Eigenleben gewinnt. Liebe des Selbst zum Selbst ist die schöpferische Kraft des

Universums. Sehnsucht ist die primäre Energie, und diese Energie ist erotisch: die

Anziehungskraft zwischen Liebendem und Geliebtem, zwischen Stern und Planet, das

Verlangen des Elektrons nach dem Proton. Liebe ist der Leim, der die Welt

zusammenhält.

Der blinde Eros indes wird zu Amor, der Liebe. Nach der Terminologie von

Joseph Campbell ist sie mehr personal und auf ein Individuum gerichtet als die

universale geschlechtslose Nächstenliebe, Agape, oder die unverhüllte sexuelle

Begierde. Die Spiegelung der Göttin geschieht aus ihr selbst und erhält einen

Namen. Liebe ist nicht nur eine energiespendende Kraft, sondern sie fördert die

Individuation. Sie hebt die Trennung auf und schafft doch Individualität. Sie ist das

Urparadoxon.

Miria, die »Wunderbare«, ist natürlich Marian-Mariam-Mariamne, ist ferner

Mari, der Vollmond-Aspekt der Göttin. Der Sinn für Freude und Entzücken in der

natürlichen Welt ist das Wesen der Religion der Großen Göttin. Die Welt ist keine

mangelhafte Schöpfung, nichts, das wir fliehen müssten. Sie bedarf weder der

Errettung noch der Erlösung, doch es scheint, dass sie uns aus ihrem tiefsten Sein

heraus täglich mehr mit Staunen erfüllt.

Göttliche Ekstase wird zum Ursprung der Schöpfung, und die Schöpfung ist ein

orgiastischer Prozess. Ekstase ist das Herz - beim Ritual kehren wir das Paradoxon

von innen nach außen und werden die Göttin, teilen die ursprüngliche bebende Freude

der Vereinigung. Ekstase führt zu Harmonie, zur »Musik der Sphären«. Musik ist der

symbolische Ausdruck der Schwingung, die allen Wesen zu eigen ist. Die Physiker

lehren, dass die Atome und Moleküle aller Stoffe, vom flüchtigen Gas bis zum Felsen

von Gibraltar, in beständiger Bewegung sind. Dieser Bewegung liegt eine Ordnung,

eine dem Dasein eigentümliche Harmonie zugrunde. Die Materie singt durch ihre

besondere Natur.

Immer mehr wird die Göttin von Liebe erfüllt, bis sie einen Regen strahlender

Geister gebiert, einen Regen, der das Bewusstsein in der Welt erweckt, so wie

Feuchtigkeit das Grün der Erde wachsen lässt. Der Regen ist das befruchtende

Menstruationsblut; das lebensfördernde Blut der Mondin, so wie das hervorbrechende

Wasser die Geburt ankündigt, die ekstatische Herausgabe von Leben.

Bewegung und Schwingung werden so groß, dass Miria hinweggespült wird.

Mit zunehmender Entfernung vom Mittelpunkt der Vereinigung wird sie immer

stärker polarisiert, differenzierter und männlicher. Die Göttin hat sich selbst

projiziert. Ihr projiziertes Selbst wird das Andere, Entgegengesetzte, das sich ewig

nach erneuter Vereinigung sehnt. C. G. Jung würde sagen, dass sie ihre männliche

Seele, ihren animus, projiziert hat. Die Verschiedenheit erweckt Sehnsucht, die gegen

die Kraft der Projektion zieht. Das Energiefeld des Kosmos wird polarisiert und zum

Leiter für Kräfte, die in entgegengesetzten Richtungen wirksam werden.

Das All wird als Energiefeld betrachtet, das von zwei starken Kräften polarisiert

wird - dem Männlichen und dem Weiblichen, der Göttin und dem Gott, die in ihrer

höchsten Seinsform Aspekte voneinander sind. Allerdings müssen wir das Konzept

der Polarität von unseren kulturell bedingten Vorstellungen des Männlichen und

Weiblichen trennen. Männliche und weibliche Kräfte weisen einen Unterschied auf,

aber wesentlich sind sie doch nicht verschieden: Sie sind die gleiche Kraft, die in

entgegengesetzte, aber nicht in unvereinbare Richtungen fließt.

Die Kräfte werden etwa so beschrieben: Keine ist aktiv oder passiv, dunkel oder hell,

trocken oder feucht - statt dessen besitzt jede alle diese Eigenschaften. Das Weibliche

wird als lebenspendende Kraft gesehen, als Macht der Offenbarung, der Energie, die in

die Welt fließt, um geformt zu werden. Das Männliche wird als Todesmacht betrachtet,

im positiven und nicht im negativen Sinn: die Kraft der Beschränkung, die den

notwendigen Ausgleich zur ungezügelten Schöpfung bildet, die Kraft der Auflösung, der

Rückkehr zur Formlosigkeit. Jedes Prinzip enthält auch das andere. Leben führt zum

Tode, nährt den Tod; der Tod erhält das Leben, ermöglicht Evolution und neue

Schöpfung. Sie sind Teil dieses Zyklus, eine vom anderen abhängig.

Das Dasein wird erhalten durch das pulsierende Auf und Ab, den wechselnden Strom

beider Kräfte im vollkommenen Gleichgewicht. Unkontrolliert ist die Todeskraft Krieg

und Völkermord. Zusammen aber stützen sie einander in lebenserhaltender Harmonie,

in dem vollkommenen Kreislauf, der im Wandel der Jahreszeiten zu beobachten ist, im

ökologischen Gleichgewicht der natürlichen Welt und im Ablauf des Lebens von der

Geburt über die Zeit der Reife und des Alterns bis zum Tod - und dann zur

Wiedergeburt.

Der Tod ist kein Ende. Er ist ein Stadium in dem Kreislauf, der zur

Wiedergeburt führt. Nach dem Tod bleibt die menschliche Seele im »Sommerland«,

im Land der Ewigen Jugend, wo sie erneuert und verjüngt und auf die Wiedergeburt

vorbereitet wird. Die Wiedergeburt wird als große Gnade der Göttin angesehen, die

in der dinglichen Welt manifest ist. Leben und Welt sind nicht von der Gottheit

getrennt, sondern sind innewohnende Göttlichkeit. Das Leben ist etwas

Wunderbares. Das Alter ist ein natürlicher und hoch geachteter Abschnitt im

Lebenszyklus, die Zeit höchster Weisheit und größten Verstehens.

Natürlich verursacht Krankheit Elend, doch muss sie nicht unvermeidlich

hingenommen werden. In der Praxis werden Heilkunst, Kräutermedizin und

Geburtshilfe verbunden. Auch ist der Tod nicht schrecklich. Er bedeutet einfach die

Auflösung der physischen Gestalt, die dem Geist ermöglicht, sich auf ein neues

Leben vorzubereiten. Gewiss existiert das Leid im Leben - es ist ein Teil des Lernens

und soll durch aktive Arbeit gemildert werden. Wo Leid ein natürlicher Bestandteil

von Werden und Vergehen ist, wird es gelindert durch Begreifen und Annehmen,

durch die bereitwillige Hingabe an Licht und Dunkel im Wechsel.

Die Polarität zwischen männlichem und weiblichem Prinzip sollte nicht als allgemein

gültiges Muster für einzelne weibliche und männliche Wesen genommen werden. In

jedem Menschen sind beide Prinzipien enthalten, wir sind sowohl weiblich als auch

männlich. Vollkommen zu sein bedeutet, mit beiden Kräften zu leben - Erschaffung

und Auflösung, Wachstum und Begrenzung. Die durch Zug/Druck der Kräfte erzeugte

Energie fließt in jedem von uns. Durch Rituale und Meditation kann sie individuell

erschlossen und so abgestimmt werden, dass sie mit anderen mitschwingt. Sex

beispielsweise ist weitaus mehr als der Akt der körperlichen Vereinigung; er ist ein

polarisierter Strom zwischen zwei Menschen.

Das männliche Prinzip wird zunächst fast als androgyne (= zwittrige) Gestalt

gesehen: das Kind, der Flöte spielende Blaue Liebesgott. Sein Bild ist verbunden mit

dem des persönlichen Blauen Gottes, des Göttlichen Selbst, das gleichfalls androgyn ist.

Zarte Jugend, geliebter Sohn - Er wird niemals geopfert.

Der Grüne Aspekt ist der Gott der Vegetation - der Geist des Getreides; das Korn, das

geschnitten und wieder gesät wird; die Saat, die mit jeder Ernte stirbt und in jedem

Frühling ewig neu geboren wird.

Der Gehörnte Gott, der im konventionellen Sinn unter den Projektionen der Göttin

männlichste, ist der Ewige Jäger, aber auch Tier, das gejagt wird. Er ist das wilde Tier,

das geopfert wird, damit das menschliche Leben weitergeht. Er ist aber auch der

Opfernde, der Blut vergießt. Er wird auch als Sonne betrachtet, auf ewiger Jagd nach

der Mondin am Himmel. Das Zu- und Abnehmen der Sonne im Verlauf der

Jahreszeiten symbolisiert den Zyklus Geburt und Tod, Werden und Vergehen,

Trennung und Wiederkehr.

Göttin und Gott, weibliches und männliches Prinzip, Geburt und Tod schwingen auf

ihren Kreisbahnen, unvergänglich und doch ewig im Wandel. Die Polarität, die Kraft,

die den Kosmos zusammenhält, ist die erotische, transzendente und individuelle Liebe.

Die Welt wurde nicht plötzlich zu einem bestimmten Zeitpunkt geschaffen. Die

Schöpfung geschieht immerzu, in jedem Augenblick, und enthüllt sich im Zyklus des

Jahres:

Das Jahresrad

In der Liebe sucht der Gehörnte Gott unter sich wandelnder Gestalt und mit

verschiedenen Gesichtern immer die Göttin. In unserer Welt erscheinen das Suchen

und Streben im Rad des Jahres.

Sie ist die Große Mutter, die Ihn als Göttliches Kind Sonne zur

Wintersonnwende gebiert. Im Frühling ist Er Sämann und Saat und wächst mit

zunehmendem Licht, grün wie die jungen Schösslinge. Sie ist die Priesterin. Sie führt

ihn in die Mysterien ein. Er ist der junge Stier. Sie ist die Nymphe, die Verführerin.

Im Sommer, wenn das Licht am längsten strahlt, vereinigen sie sich, und die Stärke

ihrer Leidenschaft erhält die Welt. Doch das Antlitz des Gottes verdüstert sich, wie

die Sonne schwächer wird, bis auch Er sich schließlich, wenn das Korn zur Ernte

geschnitten wird, dem Selbst opfert, auf dass alle Nahrung finden.

Sie ist die Schnitterin, der Schoß der Erde, in die alles zurückkehren muss. Durch die

langen Nächte und finsteren Tage schlummert Er in ihrem Leib. Im Traum ist Er Herr

des Todes, der über das Land der Jugend jenseits der Tore von Tag und Nacht herrscht.

Sein dunkles Grab wird zum Gefäß der Wiedergeburt, denn mitten im Winter gebiert

sie Ihn aufs neue. Der Zyklus endet und beginnt erneut, und das Rad des Jahres dreht

sich und dreht sich ...

Die Rituale der acht Sonnenfeiertage leiten sich vom Mythos des Jahresrades ab.

Die Göttin offenbart ihre dreifaltige Wesenheit: Als Jungfrau ist sie jungfräuliche

Hüterin von Geburt und Initiation; als Nymphe ist sie sexuelle Versucherin, Geliebte,

Sirene, Verführerin; als Greisin ist sie die finstere Seite des Lebens, die Tod und Opfer

fordert. Der Gott ist Sohn, Bruder, Geliebter, der sein eigener Vater wird: das ewige

Opfer ewig zu neuem Leben wiedergeboren.

Die Weltanschauung der Religion der Großen Göttin achtet vor allem das Leben. Der

Kosmos ist ein polarisiertes Feld von Kräften. Die Polarität, die wir Göttin und Gott

nennen, erschafft den Kreislauf, der den Bewegungen der Gestirne und dem Wechsel

der Jahreszeiten zugrunde liegt, die Harmonie der natürlichen Welt und die Evolution

innerhalb menschlichen Lebens. Wir nehmen das Wechselspiel der Kräfte auf zwei

grundsätzliche Arten wahr: die ganzheitliche Sehweise des Sternenlichts über die rechte

Hirnhälfte und das Unbewusste sowie die lineare, analytische bewusste Sehweise über

die linke Hirnhälfte.

Die Kommunikation zwischen Bewusstem und Unbewusstem, zwischen

Sprechendem Selbst und Kindlichem Selbst und durch das letztere mit dem Göttlichen

Selbst, dem Geist, hängt von der Offenheit für beide Arten der Wahrnehmung ab.

Verbale Begriffe müssen in Symbole und Bilder übersetzt werden. Unbewusste Bilder

müssen ans Licht des Bewusstseins gehoben werden. Durch die offene Kommunikation

können wir uns auf die Kreisläufe der Natur einstimmen, auf die ekstatische Ur-

Vereinigung, welche die Kraft der Schöpfung ist. Die Einstimmung verlangt Opfer:

Die Bereitschaft, sich zu wandeln, sich von jedem Punkt des Rades zu lösen und sich

weiterzubewegen. Doch das Opfer bedeutet nicht Leiden, und das Leben in all

seinen Aspekten, Licht und Dunkel, Wachsen und Vergehen, ist ein großes

Geschenk. In einer Welt, in der der erotische Tanz von Gott und Göttin strahlend

alle Dinge durchwebt, werden wir, die wir uns ihrem Rhythmus überlassen,

hingerissen vom Wunder und Geheimnis des Daseins.



Dateianlage:
. - Was Du aufdeckst, - offenbart sich . -

"Die Erlösung kann nicht verdient, nur empfangen werden, - darum ist sie die Erlösung". -

"Es ist alles Illusion, - was nicht aus mir selber spricht,
- denn es ist ein Zusatz, - dieses Eine nicht". -

http://adamonstasy.weebly.com/
zuletzt bearbeitet 15.10.2014 09:25 | nach oben springen
lockDas Thema wurde geschlossen.


Besucher
0 Mitglieder und 8 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: Luuna
Forum Statistiken
Das Forum hat 2682 Themen und 10979 Beiträge.

Xobor Forum Software © Xobor