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Der Werwolf aus der Sternenputze:

in Werwesen - Zusatzinformationen. - 26.09.2010 22:03
von Adamon • Nexar | 13.723 Beiträge

1. Philosophische Abhandlung

Von
Dem Entstehen, der Natur und dem Aufhören
Der Waarwölfe.


Danzig
Bei Johann Heinrich Rüdiger 1746

Mein Herr!

Die von Ihnen mir überschriebene Nachricht, es sei in G. seit etlichen Tagen
ein Werwolf erschienen, der den Tag über in einer gewissen umzäunten Wiese,
zur Nachtzeit aber in denen Häusern herum wanke;
diese Nachricht rechne ich unter die beträchtlichste derer,
zu unsern Zeiten sich eräugenden Begebenheiten, die mich,
wie ich versichern kann, recht aufmerksam gemacht hat.

Ich erfreue mich nicht allein, dass von dem Verhängnisse
dennoch ein verehrungswürdiges Überbleibsel der ehemaligen alten
und mit Wunderdingen angefülltem Zeiten, bis auf diese,
mit Zweifel, Unglauben und Verstockung überschwemmten letzten Tage,
der bald vergehenden Welt, aufbehalten sei, und folglich sich noch
redliche Patrioten finden, die, ungeachtet aller Spötterei klüglender Menschen,
die Ehre unserer Voreltern, unserer Älter- und Großmütter retten,
und auf ihre Kinder fortpflanzen wollen:

Sondern ich bin auch darüber vergnügt, dass ich von Ihnen, mein Herr!
aufgerufen bin, meine Gedanken von den Werwölfen zu eröffnen.



Ich habe ja meine Gedanken bisher, eben so, wie der Papst seine Kardinäle,
in petto, verborgen halten müssen, um nicht einen Schwarm der Spötter
wider mich rege zu machen, die die Existenz der Werwölfe leugnen,
und solche zu dem lächerlichen der alten Welt zählen.

Denn was jetzt nicht neu und mit dem Eigensinn der heutigen
Philosophen nicht übereinstimmend ist, hat eben das böse Schicksal,
welches eine Fontange von fünfzehn Stockwerken,
die Kanonen an denen Hosen und Stiefeln,
und ein über die Schultern herabhängendes und mit Fransen
bebrämtes Wehrgehänge eines alten Kreuzritters,
zu diesen Zeiten haben würden.



Ach! unsere Tage sind die allerfeindseligsten gegen allem dem,
was in vorigen Jahren das Wunderbare, Erstaunende und Einnehmende hieß.
Ich bin noch von der alten Welt her, und also kann ich versichern,
dass ehemals die Erzählungen unserer Großmütter und anderer alten
Matronen die allerfurchtbarsten waren von dem,
was die Gemütsregungen, insbesondere Verwunderung, Furcht und Grauen,
in eine Aufwallung bringen konnte.
Man hörte sehr oft von unterirdischen kleinen und etwa zwei Schuh
hohen Menschen; man bekam von ihnen Besuchungen,
Geschenke, Hilfe und trostreichen Zuspruch.

Man wusste von verfluchten Schlössern, die mit Schätzen angefüllt waren;
von verwünschten schönen Jungfern, die von Nabel ab einen Fischschwanz hatten,
und nur von reinen Junggesellen erlöst, und gar geheiratet werden konnten.

Man redete von Reitern ohne Kopf, die etwa auf einem dreibeinigen
weißen Blanken sich herumtummelten, und ein verliebtes
Frauenzimmer hinter sich aufs Pferd nahmen.

Man hatte allerhand dienstbare Hausgeister, die Glück und Vorrat ins Haus brachten.
Man erzählte von der bequemen und lustigen Hexenreiterei nach dem Blocksberge.
Überhaupt man hört von Erscheinungen, Verwandlungen, Bezauberungen,
Verschwindungen, insbesondere von Werwölfen soviel Tröstliches,
dass man sein Vergnügen daran hatte.



Nun aber ist ja in der Welt alles Reine aus.
Gelehrte sowohl als Ungelehrte haben sich nun wider alle
historische Wahrheiten, und wohlhergebrachte Gewohnheiten, für Feinde erklärt.

Die aus der alten Welt herrührende und jetzt noch lebenden
sind bei der neuen Welt übel versehen.
Ein ehrlicher Mann, der vormals einen ganzen Tag nichts von allem,
und alles von nichts reden, der ganze Stunden mit Malen und Schreiben,
mit Sinnbildern und Überschriften zubringen, und seine Rede
aus allen Reichen der Natur, mit Sonne, Mond und Sternen,
mit wunderbaren Bergen, Bäumen, Brunnen, Tieren, Steinen, Kräutern
und Blumen ausputzen konnte; der ist jetzt sehr verlegen,
da die eigensinnige Welt in denen Reden nur Sätze, Beweise, Schlüsse,
Überzeugungen, und des Zeuges mehr, zu hören, und vor allem,
was vorgetragen wird, so genannte Raisons verlangen;
ohne dass sie erlaubt, das geringste von unbekannten Kräften
(facultatibus occultis) zu erwähnen.

Ehemals nahm man alles auf Glauben eines Redners an,
dem man zutraute, das Bunte und Wundersame der Bildhauerarbeit,
womit er seinen Vortrag zierte, gar gewiss aus seinen mühsam
zusammengeschriebenen Sammlungen (collectanaeis) genommen wäre.

Nun aber glaubt man ihm nicht ein Wort, wo es nicht bewiesen wird;
ja man ist so unverschämt, dass man nur darüber lacht,
wenngleich ein Dutzend Reisebeschreibungen und
ein ganzes Schock sinnreicher Aussprüche der alten Weisen,
ja der heiligen Kirchenväter angeführt werden;
man sagt ohne Scheu: dergleichen Beweise taugen gar nichts!



Ebenso schlecht ergeht es auch der Wahrheit, die bei den alten Historien
doch notwendig vermutet werden muss.
Es hilft nichts, wenn man zur Beobachtung des vierten Gebotes
aus schuldiger Ehrerbietung gegen die Älter- und Großmütter,
die von ihnen sorgfältig fortgepflanzte Wunder- und Mordgeschichte,
auch sogar mit ihren eigenen Worten erzählen will.

Man lacht dazu, man zweifelt, man untersucht, zergliedert und beurteilt alles.
Man glaubt den Heiden mehr als den frommen Christen.
Was ein Titus Livius, ein Justinus, ein Suetonius und dergleichen
ungläubige Heiden erzählen, das hält man für wahr.
Was aber christliche Herzen, an deren Seligkeit man doch nicht zweifeln kann,
erzählt und auf ihre Liebe nachkommen fortgepflanzt haben,
das heißt man alte Weiberfratzen.
Soll einem, der das bedenkt, nicht das Herz darüber brechen?



Sie werden mir aber doch Beifall geben, mein Herr!
Dass die jetzige so gar böse geartete Welt, die doch durchaus philosophisch sein will,
dennoch bei solchem ihrem Verfahren wider die eigene philosophischen Regeln
hässlich verstößt.
Sie gibt die Vordersätze zu, und leugnet doch die Schlüsse und Folgen.
Sie gibt zu, dass man das liebe Alter, insbesondere die Voreltern,
in Ehren halten müsse.
Sie glaubt, dass alle Historien von Wunderdingen von den Voreltern herstammen,
und mit vieler Andacht sind erzählt worden.

Sie gibt zu, man könne sie, ohne Sünde zu begehen, nicht der Lügen strafen.
Bringt man aber dieser neuen bösen Welt einen Werwolf,
einen fliegenden Drachen, eine aus der andern Welt erscheinende Seele,
und dergleichen unter Augen; beruft man sich auf die Geschichte der Alten,
mit denen diese Erscheinung übereinkommt, so lacht man, man bespottet,
man verwirft alles.

Ebenso handelt der Unglaube wider eine andere Regel.
Es ist ja was Ausgemachtes, dass man von der Wirklichkeit
zur Möglichkeit schließen könne.
So aber, ob es gleich wirklich wahr ist,
(und man kann es ja den Ungläubigen Menschen gedruckt zeigen)
dass man von uralten Zeiten her von solchen Erscheinungen
der Wunderdinge geredet habe, dass unsere Voreltern dergleichen Dinge
selbst gehört, gesehen und erfahren, und also an der Wirklichkeit
gar nicht zu zweifeln stehe: so kehrt man sich doch nichts daran,
man forscht nun erst nach der Möglichkeit.

Die lieben Alten sind von undenklichen Jahren her
in dem Besitz der Glaubwürdigkeit, sie haben das Verjährungsrecht
vollkommen für sich; und nun kommen di Neulinge mit ihren Zweifeln angezogen,
und wollen Dinge die schon längst abgemacht sind, nun erst untersuchen.
Gewiss, das ist was Klägliches, worüber man zurecht seufzen muss.



Was insbesondere die Werwölfe anlangt, so ist deren Existenz,
oder ihr wirkliches Dasein so gewiss, als gewiss es ist,
dass schon unsere Ureltern von ihnen die unleugbare Überlieferung auf uns,
zugleich nebst dem Erbe ihrer Güter, kommen lassen,
und das jetzt noch Leute leben, die Werwölfe sowohl nach ihren
menschlichen, als tierischen Verwandlungen gesehen, mit ihnen geredet,
und alle ihre Unternehmungen mit eigenen Augen bemerket haben;
ja die uns solche gar mit Namen zu nennen wissen, da der Werwolf
in P. Trunte Inze, in G. Krinkul Johste, in M. Uhse Brenz,
auch wohl Katsche, Maie, Gehde etc. heißen soll.



Ich würde mich über einige Stellen ihres Briefes, mein Herr! erzürnen,
wenn ich nicht wüsste, dass Sie auch von der neuen Welt seien,
und derselben Vorurteile allzu sehr über sich herrschen lassen.
Denn teils zweifeln sie gar an der Existenz, oder dem Dasein der Werwölfe;
teils stehen sie in der Meinung, dass der vor kurzer Zeit in G.
erschienene Werwolf kein echter Werwolf, sondern nur ein
verlaufener, verirrter, verwilderter und verschmachteter
Bauerhund, oder Stockräckel sei.



Was das erste Vorurteil anlangt, so hoffe ich solches gar leicht
in der nun folgenden demonstrativen Abhandlung zu heben,
und halte mich zum Voraus versichert, dass, wenn Sie den ganzen
Prozess des Entstehens eines Werwolfes, wie ich solchen philosophisch
vorstellen werde, werden gelesen haben, Sie in sich eine unwiderstrebliche
Überzeugung erlangen sollen.



Das andere Vorurteil wollen Sie, mein Herr! welches ich aufrichtig rate,
keinem Menschen entdecken; weil es zu der Verkleinerung gereichen möchte;
denn Sie verstoßen damit wider den Satz des Widerspruchs,
nach welchem es unmöglich ist, dass ein Ding zugleich sein und nicht sein könne.

Der Werwolf ist doch da, er ist wirklich da; viele vernünftige und sinnige Leute
sehen ihn, ja man hat schon die Wirkungen eines Werwolfes an ihnen gehört,
er hat ein altes Weib, das Kringeln zum Verkauf herumträgt, gefressen.

Wie ist es denn nun möglich, dass er ein Bauernhund sein soll?
Oder, ist es ein Bauerhund, wie können ihn so viel scharfsichtige Leute
für einen Werwolf erkennen?
Ja wie kann ein Bauerhund ein altes Weib fressen?
Gewiss, so weit hat sich ein Bauerhund noch nicht vergangen.
Was Doggen und Jagdhunde tun könnten, das geht vor sich.
Würde denn nun nicht ein jeder, der so was von Ihnen hört,
ungleiche Gedanken hegen?

Ich wollte es nicht gerne wünschen. Überdem, so verwirren Sie die Begriffe,
die man vom Gemeinen und Bekanntem hat, mit denen Begriffen,
die nur vom Seltsamen und Wunderlichen gefasst werden müssen.
Von einem Bauerhunde, gesetzt er sei noch so schäbig, zottig und verwildert,
kann man doch ein vollständiges Geschlechtsregister, zumal von der
mütterlichen Seite, aufsetzen, sollte es auch bis ins zehnte Glied geschehen;
ob ich gleich nicht in Abrede bin, dass man die Punktierkunst zu Hilfe
nehmen müsste, wenn man bestimmen wollte, ob er der erste
oder der letzte im Wurf gewesen sei.

Wer will sich aber dessen bei einem Werwolfe unterwinden,
von dem die Begriffe sehr wunderbar sein.
Ein Werwolf wird nicht gezeugt, sondern er entsteht;
er frisst alles, er verzehrt doch nichts; er verwandelt sich,
und bleibt doch allezeit, wie er ist; er ist abwesend,
und doch gegenwärtig; er ist in einem Orte, und doch nirgends anzutreffen
und zustande zu bringen; er stirbt nicht, sondern er hört nur auf zu sein.

Diese Ausdrücke sind nicht Widersprüche, sondern sie sind in
der Philosophie gegründet.
Diese Philosophie richtet sich nach der Seltsamkeit ihres Gegenwurfs, ich will sagen:
Sie ist eben so wunderbar, als der Werwolf selbst.
Sie geben Achtung, mein Herr! Ich setze dieses zum voraus, als eine feste Wahrheit



Es existieren, oder es sind wirklich und in der Tat Werwölfe.
Dieser Satz ist so wenig zu leugnen, als gewiss schon längst erwiesen ist,
dass Untererdschen, oder unter der Erde wohnende kleine Menschen;
Mahre, die Menschen im Schlafe drücken, und die Pferde reiten;
verliebte Gespenster, verfluchte Jungfern, schwarze Hunde,
die vergrabene Schätze bewachen; Basilisken, aus einem Hahnenei,
Phönixe, die sich selbst verbrennen, und aus ihrer Asche wieder lebend werden;
Pelikane, die mit ihrem Blute die Jungen füttern;
Zentauren, geflügelte Pferde, im Bocksblut weichgemachte Diamanten,
und dergleichen vortreffliche Dinge mehr, überall in der Welt,
jedoch an Örtern wo sie nicht leicht zu erfragen sind,
am meisten in den gedruckten Büchern, haufenweise sich finden.

Diese Wahrheit ist uralt, und man würde allen Respekt,
den man denen seligen Voreltern schuldig ist, folglich das vierte Gebot,
gar sehr beleidigen, wenn man die historischen Nachrichten,
die uns insonderheit unsere Großmütter gegeben haben,
in Zweifel ziehen und verdächtig machen wollte.
Denn die Urkunden, die wir davon haben, sind uns ebenso heilig
als ein Erbe nachgelassen, als sorgfältig unsere Vorfahren selbe
von Glied zu Glied fortgepflanzt haben.

Daher hat man diese Wahrheit von den Werwölfen ebenso ehrerbietig
beizubehalten, als behutsam man sein muss, das,
vor vielerlei Schaden und Krankheiten dienende Erbgold
vor Verlust zu bewahren, und wieder auf unsere Erben zu bringen.



Damit man doch aber von dem, wovon jetzt die Rede ist,
einen richtigen Begriff sich machen möge, so ist es nötig,
dass die wahre und eigentliche Beschreibung eines Werwolfes bestimmet werde.
Es ist demnach ein Werwolf:



„Ein seltsames Wunderding, welches nicht nach der Ordnung der Natur
von seinesgleichen erzeuget und fortgepflanzt wird,
sondern auf eine philosophische Art, und teils astralischen,
teils chimärisch-chymischen Teilen und Geistern entstehet,
und das Vermögen hat, nebst der Wolfsgestalt auch die Gestalt
eines Menschen anzunehmen,
Menschen und Vieh, jedoch ohne deren Beschädigung, zu fressen,
und so lange herum zu wanken, bis es wiederum durch eine
philosophische Vernichtigung zu seinem Aufhören gebracht wird.“



Der Hauptbegriff von einem Werwolfe kann wohl allgemeiner
nicht gefasst werden, als dass man ihn ein Ding, oder ein Eus nennet.
Weil aber in dem Umfass der Dinge, oder der Entium, auch eine Art solcher
Dinge stehet, die man Entia Rationis nennet, oder solche Dinge,
woran die Einbildungskraft der sinnreichen Menschen arbeitet,
und womit das große Reich der Möglichkeiten von ihnen angefüllt wird;

Weil auch das Entstehen eines Werwolfes, größtenteils von den,
in der menschlichen Einbildungskraft ohne Ermüden arbeitenden Geisterchen,
herrührt; (wie bald erwiesen werden soll)
So ist zwar ein sich zeigender Werwolf ein Eus actu,
oder ein wirklich daseiendes Ding, denn sonst könnte er nicht in die
Sinnen fallen; gleichwohl aber kommt ihm hauptsächlich die Benennung
eines Entis rationis, oder einen solchen Dinges zu, dessen Wirklichkeit
von der, auf eine gewisse Art eingerichteten, und unter die Herrschaft
der Einbildungskraft gesetzten Vernunft, entsteht.



Es ist aber ein Werwolf ein seltsames Wunderding.
Es entsteht nicht alle Tage, sondern nur alsdenn, wenn die Geister
der menschlichen Einbildung recht arbeitsam zu werden anfangen.
Weil jedoch hiervon jetzt nicht eher geredet werden kann,
als wenn erst der ganze Prozess des Entstehens ans Licht gestellt ist,
so ist es nötig, dass das Entstehen eines Werwolfes,
als eine bisher ganz unbekannte Sache, die man ohne Grund,
und da man sich nicht besser zu helfen gewusst,
vor Gaukeleien der Zauberer und Hexen gehalten hat, aus ihren,
wiewohl sehr tiefen Gründen, hervorgebracht werde.
Die zu bewerkstelligen, lassen Sie, mein Herr!
sich nicht befremden, dass ich mich von denen gemeinen Begriffen,
die man sich sonst von der Erzeugung des Dinge zu machen pflegt, gar weit entferne.
Ich werde die geheimste Spuren der, in dieser Sache sehr leise
tretenden Natur aufsuchen, ich werde ihre dabei vorgehende Geschäfte
beschauen, ich werde hoffentlich der Welt ein Licht aufstellen,
bei dessen Schein man Gelegenheit nehmen kann, mehrere Geheimnisse zu entdecken.



Die ganze Welt ist zu diesen Zeiten philosophisch.
Man will nichts reden, man will auch nichts hören und annehmen,
was nicht philosophisch, das ist, was nicht in seinen Sätzen aneinander
hängend und überzeugend ist.
Ich muss mich denn nun notwendig auch nach der Mode richten.
Ich widerspreche aber aufs allerfeierlichste, wenn mir jemand ansinnen wollte,
den Beweis, nach dem Zuschnitt der neuen Philosophie,
die man die Wolfische nennt, einzurichten.

Denn da man nun gewohnt ist, die Anhänger dieser Weltweisheit
verdächtig und ketzerisch zu halten, so bin ich um meinen guten Leumund
viel zu sehr besorgt, als dass ich mich, einem Werwolfe zu Gefallen,
in eine üble Nachrede setzen und verketzern lassen sollte.
Zu geschweigen, dass, da ich von der alten Welt her bin,
und zu den Zeiten in der Philosophie unterrichtet ward,
da Wolf noch in Lumbis Patrum lag, ich mich in seinen Lehrsätzen
nicht sonderlich viel ungeschehen, auch nach reifer Überlegung einigermaßen
wohl einsehe, dass die ganze Einrichtung der Wolfischen Philosophie
zu der Art der Beweise, wie ich sie zu führen gedenke, sich gar nicht schicke.
Daher, weil ich doch eine Sache unter Händen habe,
die aus dem greisen Altertum, bis zu uns fortgepflanzt ist,
so werde ich sie auch aus denen Sätzen der alten Philosophie herleiten und abhandeln.



Die uralte peripathtische Philosophie, die gewiss in der Einbildung ihrer
Erfinder viel besser und richtiger war, als es jetzt die neuren zugeben wollen,
will uns gar für gewiss versichern, dass der Himmel mit unzähligen,
gar besonders gearteten Wesen, die sie Intelligenzen nannte,
und die wir uns aufs füglichste als Hausvögte, Aufseher, oder
als Platzmeister vorstellen können, angefüllt,
einem jeden aber solcher Intelligenten ein eigener Stern bedienen,
und vor dem Sorge zu tragen angewiesen sei.

Wollen wir uns nach den neuern Weltweisen richten,
so müssten wir ihnen viel wunderliches Zeug glauben,
was sie uns von den Sternen und deren eigentlicher Beschaffenheit vorschwatzen.
Jedoch wir kehren uns an solche Leute gar nicht.
Das liebe Altertum ist viel ehrwürdiger als die Jugend.
Wir müssen auch dem mehr trauen, was uns der Augenschein saget,
(denn die Erfahrung so wir durch unsere Sinnen haben ist überzeugend)
als was Leute erzählen, die oft selbst nicht wissen, wo sie zu Hause gehören.

Jene alte Philosophen glaubten es, uns unser Augenschein lehret es uns,
dass die Sterne nichts anders sein, als ein leuchtendes Feuer,
oder deutlicher zu sagen, brennende Lichte.

Wie diese Lichte zubereitet sein, ist nicht nötig jetzt zu untersuchen.
Der weise Thales hielt die Sterne für eine brennende Erde.
Empedocles nennt sie himmlische Feuer, die an den kristallischen
Sphären angebunden sind.
Anaxagoras behauptete, sie wären große Steine oder Felsenstücke,
die durch eine unbekannte anziehende Kraft hinauf an den Himmel gezogen,
durch die starke und schnelle Bewegung aber entzündet wären.
Xenophanes meinte, sie wären feurige Kohlen,
welche von und in den Wolken angezündet wären.



Dem allen aber sei wie ihm wolle, es kamen doch alle alte Weltweise
darin miteinander überein, die Sterne seien brennende Materien.
Wir werden ja auch durch unsere Augen davon allzu wohl überzeugt,
indem wir an den Sternen eben ein solches Flattern und Blinken bemerken,
als an den Lichten, die von der Luft bewegt werden.
Also ist es denn eine gewisse Wahrheit: Sterne sind brennende Lichte.



Diese Lichte müssen wohl, wie leicht zu glauben, notwendig
allezeit helle brennen, weil der Himmelssaal sehr groß und weitläufig ist,
und vielerlei Winkel und Kreuzgänge hat, weshalb denn auch dies
als eine Wahrheit angenommen werden muss:
Die Sterne müssen fleißig geputzt werden.



Zu dem Ende ist leicht zu erachten, dass eine jede Intelligenz notwendig,
nach der Größe des Stern, eine starke Lichtputze oder Messer
in der Hand führen müsse, damit, wenn das Sternenlicht allzu dunkel brennt,
der schwarze Ruß, der den Schein hemmt, abgeschoren,
oder, wo sich ein Räuber, wie es bei brennenden Lichten zu geschehen pflegt,
finden sollte, derselbe abgenommen und weggeworfen werden könne.
Also setzen wie wiederum eine Wahrheit feste:
Die abgeschorene Sternputze wird von den Intelligenzen weggeworfen.



Die Abputzung und Reinigung der Sterne, und die Wegwerfung
der abgeschornen Sternputze geschieht zu der Zeit, wenn wir sehen,
dass zu Abends, auch in der Nacht, ein heller und feuriger Strich
von denen Sternen herunter fället.
Alsdenn ist entweder das Abgeputzte noch nicht erloschen, sondern glimmt noch,
oder der herunterfallende Schein ist ein Räuber,
den die Intelligenz brennend herab wirft.
Die Erfahrung hat uns denn also gelehrt, dass wir fein
bedächtig sagen können: Die Sterne reinigen sich.



Die teils glühende, teils hellbrennende Sternputze wird herab auf die Erde geworfen.
Sie muss denn erst, ehe sich auf die Erde kommt, durch die Luft wandern.
Die Luft, zumal unter unserm Dunstkreis, ist dicke und wässerig,
denn sie besteht aus lauter kleinen Wasserblasen.
Diese Wasserblasen werden durch die herabfallende Sternputze berührt und zersprengt.
Das Wasser umgibt die Sterbputze und dringt in alle ihre Teile so stark hinein,
dass aus der zuerst trocken und feurig gewesenen Sternputze,
eine zum Teil wässerige, zum Teil ölige, folglich weiche und klebrige Materie wird.

Diese Erkenntnis hat man den fleißigen Beobachtungen kluger Landleute zu danken,
die diejenigen Gegenden, wohin eine solche Sternreinigung gefallen ist,
mühsam durchforscht und endlich diese Materie gefunden haben.
Weil nun der erste Einfall und Gedanke für gewöhnlich der beste zu sein pflegt,
man auch keine andere vernünftige Ursache, woher eine solche Materie entstehen solle,
angeben kann, überdem die Himmelsgegend, wo sich die Sternenreinigung sehen lassen,
und der Ort, wo die Materie gefunden wird, eine richtige Verhältnis miteinander haben;
so geht man überaus sicher, wenn man den unfehlbaren Schluss macht,
und zu den obrigen Wahrheiten auch diese hinzusetzt:
Die Sternenputze löst sich in eine schleimige Materie auf.



Werden Sie nicht ungeduldig, mein Herr! dass, da ich Ihnen vom Ursprung
des Werwolfes zu berichten versprochen habe, ich Ihnen von Sternen,
von Intelligenzen, vom Sternreinigen und endlich von schleimigen Materien vorschwatze.
Sie glauben, dass es mir gewiss auch sauer genug geworden,
ehe ich bis zu dem Himmel und vom Himmel wieder auf die Erde gekommen bin.
Nun ich aber den verlangten Stoff des Werwolfs einmal gefunden habe,
so rühre ich mich auch nun nicht vom Fleck, und werde mich nicht um
ein Haarbreit von der gefundenen Materie entfernen.
Denn eben diese Materie ist der Stoff, aus dem der Werwolf,
ein so seltsames Wunderding, hervorsteigt.

Nun müssen wir sehen, wie und auf welche Art
der Werwolf aus dieser Materie entsteht.



Diese Materie ist ein Zusammensatz sehr vieler, untereinander
zwar verknüpft, doch dem Wesen nach unterschiedener Teile,
deren jedes seine eigene Beschaffenheit, auch seine eigene Figur hat.
Es ist wohl nicht möglich alle Teile, woraus dieser ganze Zusammensatz besteht,
genau und deutlich zu erkennen, und deren Eigenschaften zu bestimmen,
weil diese Materie erstlich im Stern durch das Feuer, hernach in der Luft
und auf der Erde liegend durch das Wasser eine gar große Alteration
und Veränderung ausstehen müssen:

Da jedoch in den Sternen ohne Zweifel bessere Anstalten zum
Lichtziehen gemacht werden als bei uns, auch unfehlbar die Intelligenzen
um mehrere Zusätze sich bemühen werden, als wir es nicht tun können;
so ist gar leicht zu erachten, dass die in dem Schleim befindlichen Teile
ein vieles von ihrem ersteren sehr kräftigem Wesen bei sich übrig werden
behalten haben, und zur Hervorbringung besonderer Wirkungen tüchtig
geblieben sein werden.

Das Beste aber in diesem Zusammensatz ist der
in dessen Mittelpunkte befindliche Kern.
Dieser Kern hat nicht allein das in sich, was in denen andern,
ihn umgebenden Teilen, befindlich ist, sondern auch noch etwas Besonderes,
und ihm allein Eigentümliches.
Und eben dieser Kern ist das, was zu Annehmung aller der Gestalten geschickt ist,
die mit der Beschaffenheit des Himmelsstriches,
wohin die Sternputze gefallen ist, mit der Einbildungskraft der Menschen,
die in solchem Klima wohnen, und mit allen darin lebenden Geschöpfen übereinstimmen,
und unter dem Klima zu entstehen möglich sind.
Wie dieses zu verstehen sei, soll unten aufs deutlichste erklärt werden.



Der erwähnte Kern der schleimigen Materie ist ein,
aus den vortrefflichsten Ausflüssen des Sterns bestehende konzentriertes geistiges Wesen,
welches zwar auch aus vielen materialischen Teilen, am meisten aber aus
unterschiedenen kleinen Geistern besteht.
Weil es, wie erwähnt, durch Feuer und Wasser gegangen ist,
so ist auch so wohl in den materialischen Teilen, als auch in den Geistern,
die Kraft aus sich, und durch sich selbst zu wirken, sehr geschwächt worden.
Daher ist noch eine andere Kraft erforderlich, die diesem halb toten Wesen
die Belebung, Bewegung und eine gewisse Gestalt geben muss.

Wo diese andere und von außen wirkende Kraft nicht zu der Sternputze kommt,
so verschwinden endlich die Sterngeister, und die materialische Teile werden untüchtig.
Da nun die Intelligenzen die Sternputze auf unsere Erde werfen,
nichts aber in der Natur umsonst geschieht, und alles, auch das Entfernteste
miteinander verknüpft ist, so sehen wir gleich, dass wenn
aus der Sternputze etwas werden soll, notwendig auf unserer Erdkugel
die zu dieser Materie sich schickende und gleichsam belebende
und befruchtende Kraft sei, und zu dieser Materie kommen müsse.



Auf unserer Erdkugel sind unendlich viele lebende Geschöpfe,
deren ein jedes einen ziemlichen Vorrat von Kräften und Geisterchen in sich hat.
Kein Geschöpf aber ist edler als der Mensch, folglich sind seine Geister die allerkräftigsten.
Unter den Menschen ist die Menge derer die größeste,
welche eines phlegmatischen oder wässerigen Temperaments sind.
Nach dem Temperament richtet sich die Einbildungskraft.

Die Einbildungskraft sitzt dem Menschen im Gehirne,
allwo die Lebensgeister, die der Nervensaft genannt werden,
alle Arten der Bilder schnitzet und ausheckt.
Das Gehirn wird durch vielerlei Zufälle, insonderheit durch die,
dasselbe beschwerende Dünste, gereizt. Daraus entsteht der Schnupfen.

Der Schnupfen löst sich auf ein eine aus der Nase fließende Feuchtigkeit.
Diese Feuchtigkeit pflegt der größte Teil der Menschen, zumal die,
die ohne Umschweife zu leben gewohnt sind,
mit den Fingern auf die Erde zu werfen.
Da nun diese Feuchtigkeit aus dem Gehirn kommt,
im Gehirn aber die, die Bilder machende Geisterchen sitzen;
so geschieht es, dass mit der Feuchtigkeit vielerlei Bilder der Einbildungskraft,
zugleich denn auch viele an denen Bildern beständig arbeitende
Geister aus- und auf die Erde geworfen werden.



Alle Feuchtigkeiten dünsten aus, und vereinigen sich mit
denen wässerigen Teilen der Luft.
Das Schwere bleibt an der Erde, das Leichte, worunter die Geister
am meisten gehören, erhebt sich, und streicht durch die Luft.
Nichts bestehet in und für sich selbst, sondern alles ist ineinander gegründet.
Daher ruhen denn auch die mit der Nasenfeuchtigkeit ausgeworfenen
Geister der phlegmatischen Einbildungskraft gar nicht,
sie schwärmen so lange herum, und suchen Ihresgleichen,
sich mit dem zu verbinden.



Die Erfahrung lehrt, dass Dinge, die eine Verwandtschaft
und Ähnlichkeit miteinander haben, sich, durch einen natürlichen Trieb,
gegen einander zuneigen.

Je näher sie nun zusammen kommen, desto genauer verbinden sie sich,
und desto gemeinschaftlicher wirken sie miteinander.
Daher, wenn die Geister der menschlichen Einbildungskraft,
wo sie zumal mit dem Winde streichen, zu denen Geisterchen
der Sternputze kommen, so vereinigen sie sich mit denselben,
sie fangen an zu wirken.

Da nun so mancherlei Geister von so vielerlei Menschen zusammen kommen,
so nehmen sie ihr gewöhnliches Geschäfte vor; sie arbeiten an Bildern.
Sie haben aber in der Sternputze eine neue und ungewohnte Materie
unter Händen bekommen, daher bringen sie denn aus einem
so seltsamen Stoff auch eine solche Gestalt hervor, die,
wenn sie ihre Vollkommenheit erlangt hat, ein seltsames Wunderding heißt,
und entweder ein Werwolf oder sonst ein etwas ist,
wie es die phlegmatischen Geister hervorbringen können.



. - Was Du aufdeckst, - offenbart sich . -

"Die Erlösung kann nicht verdient, nur empfangen werden, - darum ist sie die Erlösung". -

"Es ist alles Illusion, - was nicht aus mir selber spricht,
- denn es ist ein Zusatz, - dieses Eine nicht". -

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#2

RE: Werwolf-Quelltexte:

in Werwesen - Zusatzinformationen. - 26.09.2010 22:10
von Adamon • Nexar | 13.723 Beiträge

Was sagen Sie nun, mein Herr! zu dieser überzeugenden Ausführung
des Entstehens eines Werwolfes?
Müssen Sie nicht gestehen, dass in dieser Ausführung alle Sätze so
genau ineinander passen wie die Nürnberger Schachteln,
und so fest an einander hängen wie Flockseide?

Und dass ich Ursache habe, mir darauf was zugute zu tun, zumal,
da ein guter Freund mir die Versicherung getan,
dass diese Überzeugung eine von den besten sei,
wie man solche hierzulande, und zwar bei dem schlimmen Wetter,
hervorbringen kann.
Damit Sie alles mit einem Blick übersehen können, so will ich,
was bisher erwähnt worden, kurz zusammenfassen:



Der erste Stoff des Werwolfs ist die von der himmlischen Intelligenz
abgeschorene und auf die Erde geworfene Sternputze.


Die Sternputze wird in der wässrigen Luft zu einer schleimigen Materie zubereitet,
worin sich noch viele regende Geister in dem mittlern Kern enthalten.


Zu diesen Geistern kommen die Geister der phlegmatischen Einbildungskraft
der Menschen, wodurch jene belebt werden.


Beiderlei Geister vereinigen sich zum Arbeiten.


Sie errichten so etwas, das mit dem Klima,
worunter die Sternputze gefallen ist, übereinkommt.


Nirgends sind Wölfe häufiger als hier zu Lande.


Also hat aus dem Gemisch, woran die Geister arbeiten,
unfehlbar ein Werwolf werden müssen. W. z. E.



Ich kann unmöglich glauben, dass Sie, mein Herr!
bei einer so hellen Überzeugung dennoch in die Versuchung geraten sollten,
an der Bündigkeit dieses Beweises zu zweifeln.
Wenn sie nur belieben wollten sich zu erinnern, dass nach
dem glaubwürdigen Bericht alter historischer Urkunde,
vor alten Zeiten ein Mädchen, nur bloß durch den Geruch einer Lichtputze,
die unter ihrem Stuhl allzu lange geglimmt hat, zu einer Mutter geworden sei;

So werden Sie ja leicht zugestehen, dass da dies möglich gewesen,
und eine gemeine irdische Lichtputze so große Kraft bewiesen habe
(denn dem ehrlichen Mädchen hat man es ja glauben müssen,
weil sie am besten gewusst, wie es mit ihr zugegangen ist)
es ja noch viel möglicher sei, dass aus einer Sternputze,
als aus einer astralischen Materie, man eine viel größere Kraft,
nämlich die Entstehung eines Werwolfes, oder sonst
eines Wunderdinges, erwarten könne.



Da man jedoch mit vielerlei Menschen zu tun hat,
deren wilder Unglaube und Eigensinn sich nicht allzu leicht
in der Kette der Beweisgründe einflößen lässt:
So erfordert es die Pflicht eines Philosophen,
alle vermutliche Schwierigkeiten und Einwürfe zu heben,
folglich die Sache in das hellste Licht zu setzen.
Ich will demnach allem dem, was den geringsten Einwand erwecken könnte, die Belege geben.



Man fragt demnach:
Da die Intelligenzen fast alle Abende, zumal wenn schönes Wetter ist,
ihre himmlische Lichte abputzen, und die Sternputze auf die Erde werfen:
Warum finden sich denn nicht alle Tage Werwölfe?
Warum sind sie so selten?

Ich antworte. Alles geschieht zu seiner Zeit,
die Zeit ist eine Reihe der auf einander folgenden Veränderungen.
Diese Reihe aber muss doch ordentlich eingerichtet sein,
wenn die Veränderungen richtig aufeinander folgen sollen.
Daher muss man gar wohl in Obacht nehmen, den Ort,
der der nächste bei der herabgefallenen Sternputze ist;
die Leute, die an dem Ort wohnen; das Temperament,
das sie an sich haben; die Bilder, die ihre Einbildungskraft am
meisten zu machen pflegt;
die Menge der mit der Nasenfeuchtgkeit weggeworfenen Geisterchen;
die Beschaffenheit dessen der am allerersten das aus der Sternputze
hervorgekommene gesehen, und es andern berichtet hat;
und alsdenn wird man sehen, dass nur dies, zum Beispiel ein Werwolf,
und sonst nichts anders hat zum Vorschein kommen können.



Ein Werwolf ist ein Wunderding.
Es entstehen aber allenthalben Wunderdinge, weil man allenthalten
die Reinigung der Sterne sieht, und die zu einem Schleim gewordene Materie findet.
Allein diese Wunderdinge sind nicht einerlei, sondern sie sind so beschaffen,
wie es der Ort erlaubt, und wie die Geister der menschlichen Phantasie sie bilden.

Die Sternputze, aus der der Werwolf, der in G. erschienen ist, entstanden,
hätte etwa an einem andern Orte einen Reiter ohne Kopf hervor gebracht,
der einen Bocks- und einen Hahnenfuß hat, und auf einem dreibeinigen Pferde reitet.

Anderswo wäre eine verirrte Seele daraus geworden, die sich in ein weißes Tuch gehüllt,
in der Hand eine blecherne Sparbüchse gehabt, und um ihre Beruhigung gebeten hätte.

An einem Orte wird daraus ein Gespenst, das einen Liebeshandel anzetteln,
oder zur Notdurft sich was zusammen mausen will.

Alles das, und tausenderlei mehr, hat seinen Grund
in dem Kern der schleimigen Sternputze, und bekommt sein Leben
und die Gestalt von den herumschwärmenden Geistern der menschlichen Phantasie.

Der zu G. befindliche Werwolf hätte freilich eine andere Gestalt haben können,
allein nun ist er schon so geraten, und er muss mit seiner Gestalt
und allem wie er ist, zufrieden sein, weil die Leute zu G.
ihm solche durch ihre Phantasie gegeben haben.



Man fragt weiter:
Wäre es denn nicht möglich gewesen, dass in G.
anstatt eines Werwolfes etwa ein Phönix, ein Pegasus, ein Centaur,
oder eine zwar verfluchte, doch schöne Jungfer erschienen wäre?
Ich antworte: Nein! Es war durchaus nicht möglich.

Ich beziehe mich auf das, was schon oben erinnert worden, nämlich:
Aus dem Kern der bei G. herabgefallenen Sternputze konnte keine andere
Gestalt hervor kommen, als eine solche, die mit dem Klima,
worunter G. lieget, übereinstimmig, und folglich nach
der Beschaffenheit des Klimas möglich, und auch gewöhnlich ist.

In denen warmen Ländern wird aus der Sternputze ein Phönix.
Denn an den dortigen Orten findet er Aloe- Sandel-, Canehl- und Nägelein-Holz,
wovon er seinen Scheiterhaufen zusammen tragen und aus denn Asche
er wieder lebendig hervorkommen kann.

Wer gäbe ihm aber dergleichen in G.?
Haben doch die guten Leute an dem Orte nicht einmal rechtschaffenes
Birken- und Ellernholz, woher sollten sie denn dem armen Vogel
etwas Besseres schaffen können?
Zudem, da der Phönix tausend Jahre lebt, so hätten sie ihr Elend gehabt,
dem Vogel ein ihm gefälliges Futter zu schaffen;
das wäre aber eine Last vor sie und alle ihre Nachkommen gewesen.

Was die übrigen in der Anfrage gesetzten Wunderdinge anbetrifft,
so ist es ja hier zu Lande, zumal in G. außer der Mode so was zu sehen,
und sich damit zu begegnen.
Denn gesetzt, es hätte anstatt des Werwolfs sich ein Pegasus gezeigt,
wem wäre er zunutze kommen?

Wer ist in G. der auf einem solchen Pferde nach dem Parnass hätte reiten,
und dem Apollo die Aufwartung machen wollen,
da bei jedem der Mercur viel höher als Apollo geachtet wird,
und man mehr Wesens mit einem Fischweib als den neun Musen macht?

Zudem lässt der Pegasus sich dazu gar nicht brauchen,
dass man mit ihm auf die Märkte reitet, und ihn mit Bockshäuten beladen soll.
Wer hätte in G. mit einem Centaur ein Glas Wein getrunken?
Oder, wer würde eine verfluchte Jungfer viel geachtet haben?

Gesetzt, sie hätte das schönste Kopfzeug und den regelmäßigsten Reifrock gehabt,
so hätte der Liebhaber doch Reißaus nehmen müssen,
sobald der Fischschwanz zum Vorschein gekommen wäre.

Weil aber die Wölfe hierzulande üblich sein;
weil um die Zeit, da der Werwolf sich sehen ließ,
die Brunst- oder Laufzeit der Wölfe einfiel; weil es auch insbesondere
ein alter löblicher Gebrauch ist, dass man gar oft der Werwölfe,
und zwar in allen Ehren gedenkt, zumal wenn etwas recht Fürchterliches
erzählt werden soll, so ist denn auch aus der letzten bei G.
gefallenen Sternputze ein Werwolf, und sonst nichts anders gefallen,
und er wird es auch mit Ehren bleiben, wenn ihn gleich ihre
hundert zu einem Bauerhund machen wollten.



Man fährt fort mit Fragen:
Wenn der Werwolf sein eigenes aus dem Kern der Sternputze
genommenes Wesen hat, wie ist es denn möglich,
dass er sich in einen Menschen, und dieser Mensch
wieder in einen Wolf verwandeln kann?

Ich antworte:
Das Wesen aller anderen Dinge ist ewig und unveränderlich;
Allein mit dem Wesen eines Werwolfes ist es ganz anders beschaffen.
Der Werwolf hat seine ganze Wirklichkeit, seine Gestalt,
sein Leben und Bewegen von denen Geistern der phlegmatischen
Einbildungskraft der Menschen.

Die Phantasie macht allerhand Bilder im Gehirn,
wie sie solche verlangt, bald einen Menschen, bald einen Wolf.
An diesen Bildern arbeiten eine Menge solcher Geister,
die sich für ein Phlegma schicken.

Werden denn nun solche Geister mit der aus dem Gehirn
kommenden Feuchtigkeit aus der Nase geworfen, so arbeiten sie,
wenn sie mit den Geistern der Sternputze zusammenkommen,
immer weg, wie sie gewohnt sind, und verwandeln also den Werwolf
bald in einen Wolf, bald in einen Menschen.



Noch fragt man:
Muss denn ein Werwolf notwendig Menschen und Vieh fressen?
Antwort: Nicht anders!

Was ein rechtschaffener Werwolf ist, muss die Mode nicht abkommen lassen,
er muss alles anpacken.
Wenn demnach der Werwolf sechs Menschen gefressen haben sollte,
so wollte ich meines Orts beinahe an seinem ehrlichen Herkommen zweifeln,
und ich sollte fast meinen, dass andere Werwölfe ihn aus ihrer Zunft stoßen dürften.

Jedoch ist hierbei dieses wohl zu merken.
Ein Werwolf frisst nur solche Menschen, die weder Vater noch Mutter,
noch auch einen Tauf- oder Zunahmen haben.
Er frisst sie reine auf, es schadet ihnen doch nichts; sie verlieren sich nie,
und man kann sie doch nirgends erfragen noch finden.

So sagte man vor acht Tagen in H., der Werwolf habe das alte Weib in G.,
das Kringeln zum Verkauf herum trug, quer ins Maul genommen,
und es als ein Ferkel weggetragen.

Man fragte in G. danach, so war es nicht ein Weib aus der Stadt,
sondern man trug sich mit der Sage:
Ein Bauernweib aus J. wäre gefressen worden.

Sogleich ritt ein guter Freund hinaus, um nachzuforschen,
ob es nicht die alte Ilse sei, die ihm bisher frische Dorsche zugetragen?
Ihm ward aber vorgeschworen, das Weib, das gefressen worden sei,
wäre ein Judenweib, und der Werwolf hätte den Mord in K. ausgeübt.

Auf solche Art könnte denn gar leicht der, der dem Werwolfe
das gefressene alte Weib wieder abjagen wollte, durch ganz Polen,
bis an das karpatische Gebirge geführt werden.
Kurz von der Sache zu reden, das Rauben und Fressen eines Werwolfes
ist ebenso wunderlich und seltsam als der Werwolf selbst.



Endlich fragt man sich:
Wo bleibt denn das übrige von der Sternputze, aus deren Kern
der Werwolf entstanden ist, und was wird denn daraus?

Antwort:
Je nachdem die Teile solcher Materie beschaffen sind,
so fallen denn auch allerhand Dinge daraus, die der Welt unentbehrlich sind
und die das Angenehmste in den Erzählungen kluger Weiber ausmachen.
Aus einigen entstehen die sogenannten Mahre oder Alpen,
die sich in unterschiedene Geschlechte und Gattungen einteilen lassen.

Einige drücken in der Nacht nur das Mannsvolk, andere nur die Weiber;
einige reiten nur die Pferde, einige nur allein die Mägde.

Aus anderen Teilen sammeln sich die neunjährigen Hähne das Zeug zum Ei,
welches sie legen, und woraus sie einen Basilisken brüten wollen.

Einige liest der Teufel auf, um daraus vor sich den Hahn- und Bocksfuß,
die Hörner und der Schwanz zu machen.,
Einige werden zu dem Bocksblut getan,
wenn man damit den Diamant weich machen will.
Die härtesten Teile brauchen die Töpfer, wenn sie die Geschirre machen wollen,
warum man Vogelmilch und Mückenfett am sichersten halten kann.
Das übrige dient zur Hexerei.



Noch wäre es wohl der Mühe wert zu untersuchen,
von was für einem Geschlechte ein Werwolf sei?
So schwer dieses zu bestimmen scheint;
denn wer hätte wohl Lust mit einem Werwolf darüber eine Konferenz anzustellen?
so möglich ist es doch, wenn man nur die Punktierkunst darüber zu Rate zieht.

Am leichtesten könnten Sie, mein Herr! hinter diese Heimlichkeit kommen,
und zwar durch die so in G. bisher sich mit des Werwolfs Schwanze befasst haben,
angesehen sie ihn bald lang, bald kurz abmessen,
und bei solchem Geschäfte das Geschlechtszeichen gar leicht finden könnten.

Nach meinem ganz gewissen Vermuten aber wird der Werwolf in G.
unfehlbar ein Zwitter sein, weil in G. sowohl Männer als Weiber
ein starkes Phlegma besitzen, und daher beiderlei Geschlecht
durch die Geister der allzu feuchten Phantasie den Werwolf zum Vorschein gebracht hat.

Indessen aber behaupte ich mit einer vollkommenen Gewissheit,
ein Werwolf habe entweder gar kein Geschlecht, oder er sei unfruchtbar,
wie ein Maulesel.

Denn wären unter den Werwölfen Väterchen und Mütterchen,
so müssten sie sich paaren, und ihr Geschlecht fortpflanzen;
Und so würde man denn auch unsers Ortes von der raren und schönen
Zucht etwas zu sehen bekommen.
So aber gehört denn nun der erschienene Werwolf nur vor die Leute zu G.
und vor ihre Kinder.
Die haben ihm das Leben gegeben, die bewirten ihn über Nacht in ihren Häusern,
und verpflegen ihn zu Tage in ihren Koppeln,
sie mögen ihn denn auch für sich behalten.



Schließlich ist noch dieses zu erinnern.
Wie der Werwolf nicht gezeugt noch geboren wird, sondern entsteht;
also stirbt er auch nicht, sondern er hört auf.
Daher ist es etwas Überflüssiges und Unnötiges,
wenn die löbliche Schützengesellschaft in G. mit Gewehren wider
den Werwolf zu Felde ziehen, und zu seiner Ertötung sogar silberne Kugeln gießen will.

Gewiss, das ist was Unziemliches, und hat gar keine Art,
wider einen ehrlichen Werwolf, den man zumal selbst gemacht hat, so zu verfahren.
Die Herren zu G. wollen sich doch nur ein wenig gedulden,
der Werwolf wird von sich selbst aufhören.
Die Geister der phlegmatischen Phantasie haben ihm das Leben gegeben;
man bemühe sich nur, dass das allzu starke Phlegma ausdunste
und man schaffe sich eine Menge vernünftiger und kluger Geister an,
die man durch eine chymische Operation, vermittelst des...


Jedoch, ich hätte beinahe zu viel aus der Schule geschwatzt.
Sie haben, mein Herr! mich um Eröffnung dieses so großen Geheimnisses
nicht ersucht, daher will ich auch mit meinen philosophischen Entdeckungen
nicht allzu verschwenderisch sein.
Behelfen Sie sich mit dem Aufschluss des Geheimnisses von dem
Entstehen und der Natur des Werwolfs, und glauben, dass ich allezeit sei

Mein Herr!

Dero

Ergebene

N.N.

Et licet, et licuit, semperque licebit ridendo dicere verum.

(c) aller Texte auf dieser Seite bei Nicolaus Equiamicus



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"Die Erlösung kann nicht verdient, nur empfangen werden, - darum ist sie die Erlösung". -

"Es ist alles Illusion, - was nicht aus mir selber spricht,
- denn es ist ein Zusatz, - dieses Eine nicht". -

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zuletzt bearbeitet 28.05.2014 21:59 | nach oben springen
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