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Die Alraune:

in Pflanzen: 20.10.2018 15:57
von Adamon • Nexar | 14.326 Beiträge

Die Alraune (Mandragora officinarum)

Herkunft und Geschichte
Die Mandragora ist eine uralte Liebes- und Rauschpflanze; sie diente zugleich als Narkotikum und nahm im Zauberwesen als Glücksbringer eine hervorgehobene Stellung ein; in späterer Zeit war hier ihre entscheidende Bedeutung. Das lag nicht zuletzt an der merkwürdigen Wurzelform, die – mit Seitenwürzelchen als Arme – wie ein nacktes menschliches Wesen aussah, halb Mensch und halb Pflanze. Und wo die Natur zu wünschen übrig gelassen hatte, half man kräftig mit dem Schnitzmesser nach und „frisierte“ auch andere Wurzeln zur Alraune um; vornehmlich eigneten sich dazu die Wurzeln der einheimischen Pflanzen: Zaunrübe, Siegwurz, Enzian, Blutwurz oder einfach Fütterrüben. Auch unterschied man seit dem Altertum männliche (Alraun) und weibliche (Alraune) Wurzeln.
Das Wort „Alraun“ bedeutet im germanischen Sprachgebrauch soviel wie: All-Geheimnis („runa“ = Geheimnis, „raunen“) und taucht im Namen einer germanischen Seherin (Alruna, schon bei Tacitus erwähnt) wieder auf; es wurde später auf die aus den südlichen Ländern importierte Mandragora übertragen. Der Mandragorakult ist wohl orientalischen Ursprungs und kam durch gelehrte Magier und Händler in den Westen.

Im Mittelalter widmet sich zunächst Hildegard von Bingen (1098-1179), Klosterfrau und Botanikerin sowie erste schreibende Ärztin in der Geschichte, der Pflanze Alraune zu. Sie glaubte, dass wegen ihres menschenähnlichen Aussehens bei der Wurzel der Teufel leichter in ihr Wohnung nähme als in anderen Pflanzen. Durch Wässern in Quellwasser, einen Tag und eine Nacht lang, könne man ihr das Böse austreiben, sie dann zu sich ins Bett legen und sprechen: „Herr, der du den Menschen aus Lehm gebildet hast, hier lege ich dieselbe Erde, welche jedoch niemals gesündigt hat, zu mir, damit meine sündige Erde jenen Frieden, den sie ursprünglich besass, wiedererlange.“
Zur Vorbeugung gegen Unkeuschheit soll man die Alraune auf der Haut tragen; wolle man aber mit ihr zaubern, so dürfe sie vorher nicht gewässert werden.

Brauchtum und Überlieferung
Die berühmteste aller Zauberpflanzen gilt als ausgesprochener Glücksbringer. Ein Geldbetrag verdoppelt sich, wenn man über Nacht eine Alraune dazulegt (sie kann Geld „aushecken“, daher der Name „Heckenmännchen“). Alraune bringen den Wohlstand ins Haus und lassen einen – unter dem rechten Arm getragen – vor Gericht jeden Prozess gewinnen. Unfruchtbare Frauen werden schwanger, sobald man die Wurzel unter das eheliche Lager legt. Dabei gibt es einen Jungen, wenn man das Alraun-Männlein nimmt (und umgekehrt).
Alraune stärken die Kräfte der Liebe und erleichtern Schwangeren die Geburt. Sie verhindern das Sauerwerden des Weins und die Behexung des Viehs. Den Alchemisten sind sie unentbehrlich bei der Herstellung von Gold und edlen Steinen.

Von Theophrast über Flavius Josephus bis zu den Gebrüdern Grimm reichen die Aufzeichnungen über die geheimnisvollen Praktiken zur Ausgrabung der Alraunewurzel. Danach bestand die Gefahr, beim Herausziehen der Wurzel durch einen Schrei der Mandragora tot umzufallen. (Auf diese Vorsichtsmaßnahme wird sogar in der jüngsten Erwähnung der Alraune, im Fantasy Roman Harry Potter Bezug genommen.) Man benutzte daher einen Hund zum Herausziehen, indem man ihn mit einem Strick an die Wurzel band. Der Wurzelgräber entfernte sich und verstopfte sich die Ohren mit Wachs, dann rief er den Hund, der sofort loslief und dabei die Wurzel herauszog. Die Alraune schrie, und statt des Menschen starb der Hund. Diese geheimnisvoll-gefährliche Ausgrabung der Mandragora hat die Phantasie vieler Künstler angeregt und wurde wiederholt dargestellt. Die so mühevoll erworbene und so teuer bezahlte Alraunewurzel wurde, wie Grimm schreibt, kostbar gekleidet und verwöhnt; man "wickelt sie in ein weiß und rotes Seidenzeug, legt sie in ein Kästlein, badet sie alle Freitag und gibt ihr alle Neumonde ein neues weißes Hemdlein".

Alraunen, die unter einem Galgen wachsen, hielt man für besonders wertvoll, da man glaubte, dass sie die Lebensenergie der dort hingerichteten Menschen in sich aufnehmen. Wer weder an einer Krankheit noch an Altersschwäche, sondern eines unnatürlichen Todes starb, übertrug nach damaliger Vorstellung seine plötzlich frei werdende Lebensenergie auf Dinge in seiner Umgebung. Urin und Samenflüssigkeit, die bei einem Gehenkten kurz vor seinem Tode abgehen können, galten als Träger der Lebensenergie, die auf diese Weise über den Boden in die Pflanzen gelangte.

Bereits in der Antike wurden der Mandragora aphrodisierende Eigenschaften nachgesagt: Die Liebesgöttin trug den Beinamen Mandragoritis, und die Pflanze hieß auch Mandragora Circae (nach einer aus der Odyssee bekannten Zauberin). Als Kuriosum sei erwähnt, dass die Kraft der Mandragora in sexuellen Dingen nach Angaben von Pierandrea Mattioli (1500–1577, kaiserlicher Leibarzt) so weit ging, dass das Trinken eines Infuses einen Menschen in die Lage versetzt, sein Geschlecht umzuwandeln.

Wirksamkeit aus heutiger Sicht

Die medizinische Verwendung der Mandragora seit mehr als 3000 Jahren als Schlafmittel, als Schmerz- und als Betäubungsmittel, insbesondere bei chirurgischen Eingriffen, erscheint heute aufgrund der Inhaltsstoffe und deren pharmakologischen Wirkungen plausibel. Die große Schwierigkeit in früheren Zeiten war die Dosierung; leicht konnte bei schwankenden Wirkstoffkonzentrationen eine Unterdosierung oder Überdosierung der Zubereitungen resultieren mit der Folge, dass der Patient bei der Operation doch Schmerzen erleiden musste oder nach dem Eingriff nicht wieder aufwachte.

Die starke Wirkung auf das Zentralnervensystem ist sehr komplex, weil – je nach vorherrschendem Alkaloid und Dosierung – sowohl eine erregende als auch eine dämpfende Wirkung beobachtet wird. Die Folge sind Erregungszustände mit so unterschiedlichen Erscheinungen wie Lach- und Weinkrämpfen, Euphorie, Depression, Orientierungslosigkeit, vorübergehendem Gedächtnisverlust, Halluzinationen bis hin zu Delirium und Koma.

Man kann sich leicht vorstellen, dass unsere Vorfahren sich eine solch massive Störung des seelischen und geistigen Gleichgewichts nach der Anwendung von Mandragora nur durch das Eingreifen übernatürlicher Kräfte erklären konnten.

Die Alraune ist nicht erst im 19. oder 20. Jahrhundert, als die stark wirksamen Arzneidrogen wegen der Schwierigkeit einer exakten Dosierung zugunsten der isolierten Reinsubstanzen verlassen wurden, aus dem Arzneischatz verschwunden. Nachdem sie in der Antike über lange Zeit eine wichtige Rolle als Heilpflanze gespielt hatte, wurde sie bereits seit Beginn der frühen Neuzeit nicht mehr medizinisch eingesetzt.

Heute spielt die Mandragora in der Medizin wieder eine kleine Rolle: als Mittel in der Homöopathie und anthroposophischen Medizin.

Quellen:
Die Rauschdrogen der Hexen von Dr. Wilfried Weustenfeld
Deutsche Apothekerzeitung



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RE: Die Alraune:

in Pflanzen: 24.08.2019 22:31
von Adamon • Nexar | 14.326 Beiträge

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