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RE: Geisterlinks:

in Geister. - 28.10.2018 03:34
von Adamon • Nexar | 14.434 Beiträge

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Eine historische Rekonstruktion zu den Untersuchungen
eines vermeintlich starken RSPK-Falles:


Zu Beginn der 1970er Jahre machte das kleine spanische bergdörfchen Bélmez von sich reden, als sich dort, auf dem Zementfußboden eines Hauses, Abbildungen menschlicher Gesichter abzeichnen – angeblich aus dem Nichts. Wie die “Gesichter von Bélmez” entstanden und warum sie selbst dann wieder auftauchten, als der Boden entfernt und erneuert wurde. Schnell wurde Bélmez zum Ziel zahlreicher Schaulustiger, aber auch ergebnisoffen Interessierter Parapsychologen und Skeptiker. In seinem GreWi-Gastbeitrag erinnert der Psychologe Gerhard Mayer vom Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e. V. in Freiburg (IPGG) an die “Gesichter von Bélmez”, beleuchtet die angewandten Untersuchungsmethoden, Interpretationen, soziopsychologischen Wechselwirkungen und die Rolle der Medien.

– Der folgende Artikel erschien erstmals in der “Zeitschrift für Anomalistik” (ZfA), Band 18 (2018), Nr. 1+2

von Gerhard Mayer [1]



Zusammenfassung – Die sogenannten Gesichter von Bélmez zogen Anfang der 1970er Jahre beträchtliche Aufmerksamkeit sowohl in den öffentlichen Medien als auch in der internationalen parapsychologischen Community auf sich. 1971 erschienen auf dem Küchenboden eines Hauses in dem spanischen Ort Bélmez de la Moraleda Verfärbungen, die als Gesichter interpretiert wurden und von denen viele annahmen, dass sie paranormalen Urspungs seien. Mehrere Untersuchergruppen und Einzeluntersucher versuchten das Rätsel dieser Gesichter zu lösen. Aufgrund einer breiten internationalen Presseberichterstattung besuchten viele Touristen den Ort. In der Folge kam es zu staatlichen Repressionen, gefälschten Geständnissen und fragwürdigen ‚Aufklärungen‘. Hans Bender (1907–1991) führte gemeinsam mit seinem spanischen Kollegen Germán de Argumosa (1921–2007) erste gründliche Untersuchungen durch. Er besuchte zwischen 1972 und 1973 dreimal den Ort, um einen Eindruck aus erster Hand zu gewinnen und Interviews zu führen. In den Zwischenphasen ließ er sich von Argumosa informieren und gab methodische Ratschläge. Für sein intensives Engagement gab es verschiedene Gründe. Zum einen hoffte er auf einen zwingenden Beweis für ein paranormales Geschehen, zum anderen war eine sechsteilige Fernsehserie mit dem Titel Psi geplant, für die man spannendes Filmmaterial benötigte. Die Ergebnisse eines zu diesem Zweck durchgeführten Experiments entsprachen allerdings nicht den Erwartungen. Dieser Artikel soll einen Eindruck von Benders Zugang zur Untersuchung von Spontanfällen geben. Außerdem soll das ziemlich komplexe Zusammenspiel von der Öffentlichkeit, der sozialen Rolle der Skeptiker sowie der Massenmedien auf der Suche nach einer ‚guten Story‘ im Zusammenhang mit einem (möglichen) Spukfall (RSPK) beleuchtet werden. Weit davon entfernt, gelöst zu sein, bietet der Bélmez-Fall alle Zutaten eines typischen RSPK-Falles wie auch die typischen Reaktionen der wissenschaftlichen Kollegen, Skeptiker und der Öffentlichkeit.

Schlüsselbegriffe: EVP – Gesichter von Bélmez – Massenmedien – RSPK – Skeptiker – Tonbandstimmen


Hans Benders Interesse an Spukuntersuchungen:


Der Parapsychologe Dr. Hans Bender

Der Gründer des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP), Prof. Hans Bender (1907–1991, s. Abb.l.), zeigte immer ein großes Interesse an der Untersuchung von Spukfällen (RSPK-Fällen),[2] besonders wenn starke und relativ eindeutige Phänomene auftraten und auch Elemente zum Vorschein kamen, die nicht unbedingt typisch für Spukfälle sind. In dieser Hinsicht war er ein unvoreingenommener Forscher, der nicht nur nach Bestätigung von etablierten und liebgewonnenen Modellen und Theorien suchte, sondern auch neue Einsichten im Bereich der paranormalen Phänomene gewinnen wollte. Seit Ende der 1960er Jahre war die Popularität der parapsychologischen Forschung in Deutschland stark angestiegen, und die Untersuchung des aufsehenerregenden Spukfalls in einer Rosenheimer Anwaltskanzlei (Bender, 1970) (Anm. GreWi: Eine Kurzdokumentation über den Fall Rosenheim finden Sie HIER) hatte ihm eine öffentliche Reputation als Experten für Parapsychologie verschafft. Zu jener Zeit war er sehr optimistisch hinsichtlich der zukünftigen Entwicklung der parapsychologischen Forschung und ihrer Anerkennung sowohl in der Öffentlichkeit als auch bei den wissenschaftlichen Kollegen. Im Jahr 1967 gelang ihm die akademische Institutionalisierung der parapsychologischen Forschung, indem er die „Abteilung für Grenzgebiete der Psychologie” am Psychologischen Institut der Universität Freiburg einrichten konnte (Lux, 2016). Mit seiner prominenten Position versuchte er, das Fernsehen und die anderen Massenmedien zu nutzen, um für die Parapsychologie zu werben und damit auch den unablässig aktiven Skeptikern entgegen zu treten.

Dieser Beitrag soll am Beispiel der so genannten Gesichter von Bélmez einen Eindruck vermitteln, wie Hans Bender die Untersuchung eines RSPK-Falles (Recurrent Spontaneous Psychokinesis; Anm. GreWi: = sog. “Spukfälle”, bei denen “unerklärte” physikalische Vorfälle z. B. Klopfgeräusche zumeist in Gegenwart eines “Spukauslösers”, einer sog. Fokusperson auftreten) anging, wobei seine Motivation und sein methodisches Vorgehen, aber auch die Tücken einer Untersuchung im Ausland deutlich zutage treten. Obwohl es sich um einen sehr bekannten Fall handelt, gibt es nur eine vergleichsweise kleine Zahl an Veröffentlichungen dazu – größtenteils in spanischer Sprache – und nur wenige davon sind wissenschaftliche Arbeiten.[3] Die eher problematische Rolle der Massenmedien und der öffentlichen Rezeption bei einem akuten vermeintlichen Spukfall kommt an diesem Fall besonders zum Vorschein. Außerdem wird der Wert von Archivrecherchen verdeutlicht, denn die meiste verfügbare Literatur bezieht sich auf Berichte mit fehlenden oder unzulänglichen Quellenangaben, die ohne eingehende Prüfung übernommen und perpetuiert wurden.

Die Gesichter von Bélmez: Phänomenologie, situative Bedingungen und erste Untersuchungen

Der August 1971 brachte einen Einschnitt in das wohl eher beschauliche Leben in der kleinen andalusischen Stadt Bélmez de la Moraleda. In einem Haus in der Calle Real traten Phänomene vermeintlich paranormalen Ursprungs auf. Auf dem Zementfußboden der Küche erschienen Verfärbungen, die als Gesichter interpretiert wurden. Dieses Geschehen wurde in einem engen Zusammenhang mit der physischen Anwesenheit der damals 52 Jahre alten María Gómez Cámara gesehen, die in diesem Haus wohnte.


Maria Gomez Pereira Copyright: Archiv des IGPP

Dem ersten Bild auf dem Küchenboden maß María zunächst noch nicht viel Bedeutung bei. Zu jenem Zeitpunkt fühlte sie sich ein wenig krank. Sie schrieb ihre Wahrnehmung dem leicht fiebrigen Zustand zu. Ihr Sohn entfernte das ‚Gesicht‘[4] einige Tage später und füllte das entstandene Loch mit frischem Zement. Am 8. September jedoch ‚materialisierte‘ sich ein neues Gesicht an derselben Stelle. Der Bürgermeister von Bélmez hörte davon und verhinderte eine erneute Zerstörung. Am 2. November wurde das Gesicht aus dem Boden herausgeschnitten und hinter Glas an der Wand des Raumes angebracht. Einen Monat später, am 2. Dezember 1971, wurden Grabungen in der Küche vorgenommen. In 2,80 Metern Tiefe fand man menschliche Knochen, allerdings ohne Schädel. Die Grube wurde wieder gefüllt und mit Zement bedeckt. Die Überführung der menschlichen Gebeine an einen anderen Ort verhinderte jedoch nicht das Erscheinen weiterer Gesichter.[5] Die „Gesichter von Bélmez“ wurden durch eine zumeist sensationsheischende Berichterstattung in den Massenmedien schnell weithin bekannt.[6] Im Laufe des ersten Jahres entstand etwa ein neues Gesicht pro Monat.[7] Die Gesichter formierten sich dabei in unterschiedlichen Geschwindigkeiten, manchmal direkt vor den Augen von Zeugen, und manchmal verschwanden sie auch wieder oder veränderten ihr Aussehen (siehe Abb. 4–8; Ramiro de Pano, 2015: 127–136).[8]


Abb. 2: Das zweite Gesicht. Copyright: Archiv des IGPP

Die ersten Untersuchungen wurden durch die Polizei gemacht – María sprach von der „wissenschaftlichen Polizei aus Madrid“, die das Haus acht Tage lang mit ihren technischen Geräten belagerten, die Gesichter untersuchten und Zementproben zur Analyse entnahmen.[9] Außerdem soll angeblich eine Gruppe namens „Agrupación Estudios Eridani“ Untersuchungen durchgeführt haben, angeführt von dem Skeptiker Jose Luis Jordán.[10] Unter dem Gesichtspunkt der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung interessierte sich die Guardia Civil für die weitere Entwicklung des Falls. J. Ortiz, ein pensionierter Mitarbeiter dieser Polizeieinheit, lebte zu jener Zeit gegenüber dem Haus der Pereira-Cámara-Familie, wodurch die Guardia Civil stellvertretend sozusagen immer anwesend war. Ortiz sagte in einem Interview, dass sie fast täglich das Haus besuchten und jeden Untersuchungsschritt durch die Wissenschaftler mitverfolgten (Carballal, 2007).[11] Der spanische Parapsychologe Germán de Argumosa (1921–2007)[12] erkundigte sich bei dem Zivilgouverneur von Jaén zum Stand der offiziellen Untersuchungen, weil er sich einen Eindruck aus erster Hand erhoffte. Er hatte durch Zeitungsartikel von dem Fall erfahren und etwa sechs Monate lang vergeblich auf die Veröffentlichung eines Berichts des offiziellen Untersuchungskomittees gewartet. Der Gouverneur bestätigte, dass bislang keinerlei betrügerische Manipulation oder konventionelle Erklärung gefunden werden konnte (Carballal, 2007; Argumosa & Ramiro de Pano, 2014: 504; Ramiro de Pano, 2015: 123–125). Argumosa schlug daraufhin vor, die „teleplastias“ (Teleplastiken), wie er die ‚Bilder‘ bezeichnete, aus einer parapsychologischen Perspektive heraus zu untersuchen. Er erhielt die Genehmigung mit der Anweisung, danach einen Untersuchungsbericht zu verfassen (Ramiro de Pano, 2015).[13] Zur selben Zeit wurde auch eine von der Zeitung Pueblo zusammengestellte Untersuchergruppe in das Dorf geschickt.[14] Die Berichte des Boulevardblatts führten zu einer allgemeinen überbordenden Medienberichterstattung, was wiederum zu einem Strom von Touristen führte, die das „Haus der Gesichter“ besuchen wollten.


Abb. 3: Das zweite Gesicht an der Wand angebracht. Copyright: Archiv des IGPP


Abb. 4-8: Veränderungen des zweiten gesichts auf einer Serie von Fotografien, die im Zeitraum zwischen September 1972 und April 1973 aufgenommen wurden. Coyright/Quelle: Archiv: Argumosa; siehe auch Ramiro de Pano, 2015

Am 25. Februar veröffentlichte Pueblo einen Artikel mit der Schlagzeile „Se acabó el misterio“ [Das Rätsel ist gelöst]. Darin wurde eine chemische Formel beschrieben, die Silberchlorid, Silber und Chlor enthielt und unter dem Einfluss von UV-Licht entsprechende Gesichter auf dem Zementboden entstehen lassen kann. Diese Substanz wurde als des Rätsels Lösung angeboten, obwohl keinerlei Spuren von Silber in den Materialproben entdeckt worden waren (Ramiro de Pano, 2015).[15] Diese vermeintliche Lösung des Falls wurde jedoch schnell von der internationalen Presse übernommen.[16] Wie sich später herausstellte, war der Artikel auf Druck der Regierung veröffentlicht worden, die mit dieser Maßnahme dem durch die Gesichter hervorgerufenen öffentlichen Aufruhr ein Ende setzen wollte (Jiménez & Fernández, 2005: 184–186).[17] Das führte allerdings weder zu einem Ende der Erscheinungen, noch wurden die Untersuchungen aufgegeben. Die Formation der Gesichter, deren Auftreten und Zustand lange als abhängig von Marías Gesundheitszustand angesehen wurden, hielt bis zu ihrem Tod im Jahr 2004 an und traten sogar noch danach auf.[18]


Abb. 9-11: Viertes Gesicht, ein weiteres Geicht und mehrere kleine Gesichter. Copyright/Quelle: Archiv des IGPP


Abb. 12: Argumosa führt ein Interview mit Maria Gomez Pereira. Aufnahme aus dem Jahr 1972. Copyright/Quelle: Archiv Argumosa

Benders Engagement

Als Bender im Frühjahr 1972 zum ersten Mal von den Gesichtern von Bélmez erfuhr, war er sehr fasziniert. Er nahm Kontakt zu Argumosa auf und bat ihn, die Phänomene vor Ort zu dokumentieren. Argumosa kam der Bitte nach und besuchte das Dorf mehrere Male. Zusätzlich zur Dokumentation führte er dort auch Experimente durch und versuchte hauptsächlich, „parafonías“, d. h. paranormale Stimmen (sog. electric voice phenomena – EVPs), auf Tonband aufzunehmen (Argumosa & Ramiro de Pano, 2014: 319–364; Alvarado, 1983).[19] Über diese Experimente berichtete er häufig und detailliert in seiner Korrespondenz mit Bender (IGPP-Archiv, E/23-370). Er besuchte schließlich Bender am IGPP im April 1972.

In der Folge kooperierten die beiden Forscher für mehrere Jahre. Bender gab methodische Ratschläge zur Optimierung der Vorgehensweise, mit dem Ziel, sichere Beweise für einen (erhofften) paranormalen Ursprung der Gesichter zu erhalten. Er überwachte die ersten Untersuchungsschritte von Deutschland aus. Bender reiste im Mai und Oktober 1972 sowie im September 1973 nach Spanien, um Vorortuntersuchungen durchzuführen.

Es gibt einige Gründe, die diesen großen Aufwand plausibel machen: In Benders Sicht konnte sich ein solcher Spontanfall – zumindest in seiner Anfangsphase – als sehr wertvoll für die Parapsychologie erweisen.[20] Die spezifische Art der Phänomene spielte dabei eine wichtige Rolle: Sie waren nämlich nicht flüchtig, sondern schienen den Charakter von sogenannten permanenten paranormalen Objekten (PPOs) zu haben (Beloff, 1990: 191–202; Tort, 1991; Tort & Ruíz-Noguez, 1993). Bender spekulierte auf unwiderlegbare Beweise für ein paranormales Geschehen, bei dem Betrug ausgeschlossen werden kann. Darüber hinaus konzeptualisierte das Südwestfunk-Fernsehen (SWF) im Jahr 1973 in enger Zusammenarbeit mit Bender eine 6-teilige Serie unter dem Titel Psi, mit der paranormale Phänomene vorgestellt werden sollten. Der verantwortliche Redakteur hoffte, mit Benders Hilfe aufregende audiovisuelle paranormale Phänomene dokumentieren zu können. Dementsprechend fanden Teile der Vorortuntersuchungen vor laufender Kamera statt. Es sollten möglichst spektakuläre Aufnahmen von der Replikation eines erfolgreichen Experiments gemacht werden, das ungefähr ein Jahr zuvor durchgeführt worden war. Ich werde darauf zurückkommen.

Hypothesen, Hauptthemen und Ergebnisse der Untersuchungen

Von Beginn an wurden verschiedene Hypothesen zu den Phänomenen diskutiert:

Die religiöse Hypothese: Sie geht davon aus, dass es sich um ein (religiöses) Wunder handelt. Diese Theorie wurde von der lokalen Bevölkerung während der ersten Monate bevorzugt vertreten, jedoch niemals offiziell durch die Kirche gestützt.

Konventionelle Hypothesen: Danach handelt es sich bei den Gesichtern um Zufallsmuster, die auf natürliche Weise bei den gegebenen Umweltbedingungen (Feuchtigkeit usw.) auf Zementböden entstehen. Sie werden durch das wahrnehmungspsychologische Phänomen der Pareidolie, also der biologisch angelegten Neigung zur Gesichtserkennung in Mustern, als Gesichter wahrgenommen; oder aber es handelt sich um betrügerische Manipulation von vorhandenen Fleckenformationen auf dem Zementboden bzw. um die Produktion der kompletten Gesichter durch Menschenhand.

Die paranormale Hypothese: Sie beinhaltet eine psychodynamische RSPK-Interpretation der Phänomene. Danach handelt es sich um eine besondere Art von psychokinetischen Phänomenen, bei deren Entstehung María als Fokusperson eine besondere Rolle spielt.

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Spiritualistische Hypothesen: Gemäß diesen Hypothesen ist María ein Medium und die Gesichter sind das Resultat des Wirkens jenseitiger Entitäten (z. B. von Seelen Verstorbener). Vertreter dieser Hypothese sehen in den Ergebnissen von Argumosas Tonbandstimmenexperimenten eine mehr oder weniger starke Bestätigung. Alonso (2014: 30–38) unterscheidet zwischen einer klassischen und neuen spiritualistischen Theorie. Während sich die Erstgenannte auf die Tatsache beruft, dass bei den Grabungen in der Küche menschliche Überreste gefunden worden waren und vermutet wird, dass das Haus auf einem alten Friedhof errichtet wurde,[21] behauptet die zweite, die Ursache für die Gesichter sei in unschuldigen Opfern zu finden, die während des Bürgerkriegs in den Jahren 1936/37 getötet worden waren (Jiménez & Fernández, 2005).

Im Folgenden werde ich eine Chronologie der Untersuchungsschritte sowie der begleitenden Umstände und Ereignisse skizzieren. Sie basiert weitgehend auf Archivmaterialien des IGPP, schließt aber auch andere Quellen (wissenschaftliche Aufsätze, Monografien, Zeitungsartikel usw.) mit ein, die allerdings manchmal widersprüchliche Informationen liefern.

Obwohl einige Untersuchungen der Vorkommnisse stattfanden, bevor parapsychologische Forscher die Szene betraten, erschienen keine Berichte dazu. César Tort und Luis Ruíz-Noguez, die einen Aufsatz zu den Gesichtern von Bélmez im Journal of the Society for Psychical Research veröffentlichten, befragten den Skeptiker Jordán in dieser Angelegenheit. Dieser hatte 1971 eine Untersuchungskommission angeblich im Auftrag des Spanischen Innenministeriums geleitet. Sie bekamen als Antwort, dass der Untersuchungsbericht durch einen Bürokraten des Franco-Regimes verloren gegangen sein könnte („might have been lost by a bureaucrat of the Francoism“; Tort & Ruíz-Noguez, 1993).[22] Argumosa erzählte Bender von einer Untersuchung durch ein Geheimkommittee der Sicherheitspolizei zur Aufdeckung von betrügerischen Machenschaften. Er sei durch einen Justizsekretär über diese Operation informiert worden und schrieb, dass das absolute Stillschweigen bezüglich der erlangten Befunde wie auch die Order, alle Untersuchungsaktivitäten einzustellen, für sich selbst sprächen. Es könne nur bedeuten, dass keine Spuren von Betrug entdeckt worden seien.[23]
Argumosa führte selbst Experimente im „Haus der Gesichter“ durch. Er war überzeugt, dass er sowohl EVPs aufgenommen als auch einige ektoplasmische Phänomene fotografiert habe (Argumosa & Ramiro de Pano, 2014: 324; Ramiro de Pano, 2015). Diese Befunde begünstigten die Bildung spiritualistischer Hypothesen in der Öffentlichkeit, obwohl Argumosa selbst eine eigene, alternative Theorie vertrat: die Hypothese einer bewussten Transzendenz [hipótesis del consciente transcendente].[24] Für ihn also stützten die Befunde die Hypothese, dass es sich bei den Gesichtern um authentische paranormale Phänomene handelt, aber nicht, dass sie von Geistern von Verstorbenen verursacht seien (ebd.: 332, passim). Die während der Experimente anwesenden Reporter jedoch starteten eine Artikelserie unter der reißerischen Überschrift „Las caras hablan“ [Die Gesichter sprechen].
Vom Februar 1972 an wurden die Massenmedien zunehmend feindselig gegenüber dem Bélmez-Fall und dessen parapsychologischer (oder spiritualistischer) Interpretation. Bender sprach von einer Inquisition, „eine(r) Verbündung von Geistlichkeit und Regierung (…) (D)er Feldzug gegen Bélmez, der am 1. März 1972 in der Presse ausgelöst wurde, war eine Inquisition in dem Bündnis von Altar und Thron, nicht wahr, gegen … beruhte auf vollkommen falschen Behauptungen, falschen Unterstellungen von Geständnissen und so weiter“.[25]
Trotz starken Gegenwinds von der Presse und der öffentlichen Meinung setzte Argumosa seine Besuche in Bélmez fort. Im April 1972 war er Zeuge, wie ein Gesicht sich innerhalb von etwa zehn Minuten bildete. Zwei Reporter, Rafael Alcalá von der Zeitung Jaén und Pedro Sagrario von der Zeitung Patria, sowie einige Dorfbewohner waren ebenfalls als Zeugen anwesend.[26]
Im Mai 1972 reiste Bender nach Bélmez und interviewte betroffene Personen. Außerdem hielt er einen Vortrag über Parapsychologie in Madrid, in dem er auch auf den Bélmez-Fall einging. Dabei verglich er die Phänomene mit der Gedankenfotografie von Ted Serios (Eisenbud, 1975; Grünfelder, 2016), wobei er die Rolle der als Medium fungierenden Fokusperson betonte. Bender schätzte die Phänomene klar als paranormal ein, wies aber eine übernatürliche, d. h. spiritualistische Erklärung zurück.[27]


Abb. 13: Bender führt Interviews in Bélmez im Jahr 1972. Copyright/Quelle: Archiv des IGPP

Bender schlug vor, den Küchenboden mit einer transparenten Plastikplane zu bedecken und deren Ränder an den Wänden mit Lack zu versiegeln. Dies wurde am 10. Juni 1972 durch Argumosa bewerkstelligt.[28] Nach wenigen Stunden war ein neues Gesicht unter der Plastikabdeckung entstanden. Am darauffolgenden Tag besuchten zwei Lehrerinnen aus dem Dorf sowie eine weitere Person von den lokalen öffentlichen Behörden das Haus und entdeckten ein neu entstandenes Gesicht. Als jedoch der örtliche Fotograf zwei Tage später zur Dokumentation dort erschien, war es wieder verschwunden. Am 16. Juni musste dann die Plastikabdeckung entfernt werden, da es zu massiver Kondenswasserbildung gekommen war. Die Versiegelung war unversehrt, als die Plane entfernt wurde.[29]
Bender besuchte Bélmez erneut im Oktober 1972. Dieses Mal wurde der Boden mit einer transparenten Plexiglasscheibe abgedeckt und an den Wänden versiegelt. Außerdem brachte Bender geheime Markierungen an, die ein vorzeitiges Entfernen aufdecken würden.[30] An einigen Stellen wurde auch Plastilin aufgetragen, um zu prüfen, ob auf anderen Materialoberflächen ebenfalls Gesichter erscheinen würden. Sein Plan, eine Spezialvideokamera zu installieren, mit der die Entstehung von Gesichtern in Zeitrafferaufnahmen direkt gefilmt werden könnte, wie auch eine permanente Videoüberwachung des Raumes mit einer weiteren Kamera, konnte aufgrund technischer und ökonomischer Gründe nicht realisiert werden.[31] Einen Monat später hatte sich erneut eine große Menge Wasser zwischen dem Boden und der Abdeckplatte angesammelt. Das Experiment musste deshalb vorzeitig abgebrochen werden. Dies geschah hauptsächlich aus hygienischen Gründen, aber auch, weil der nasse Boden für die dort lebende Familie unzumutbar geworden war.[32] Bender wurde gefragt, ob er bei der Entfernung der Platte anwesend sein wolle.[33] Dies war ihm nicht möglich. Per Brief gab Bender genaue Instruktionen, wie mit der Situation umgegangen werden solle, damit eine beweiskräftige Dokumentation erlangt werden könne.[34] Am 2. Dezember wurde die Abdeckplatte in Anwesenheit von
Argumosa, dem Bürgermeister von Bélmez und weiteren Zeugen, aber vor der Ankunft des beglaubigenden Notars entfernt – letzteres entgegen Benders Anweisungen.[35] Der Raum wurde danach verschlossen und wieder versiegelt, damit der Boden trocknen konnte. Bei der erneuten Inspektion am darauffolgenden Tag waren wieder dieselben Personen anwesend. Man entdeckte neu erschienene Gesichter, die fotografiert wurden. Alle diese Aktionen und die vorgefundenen Veränderungen in den Quadranten, mit denen der Boden markiert war, wurden protokolliert. Die anwesenden Zeugen unterzeichneten das Dokument.[36] Jedoch stellte sich später heraus, dass der Film unbelichtet geblieben oder der Entwickler schlecht gewesen war. So blieb der sichere Beweis aus. Das experimentum crucis war gescheitert.[37]


. - Was Du aufdeckst, - offenbart sich . -

"Die Erlösung kann nicht verdient, nur empfangen werden, - darum ist sie die Erlösung". -

"Es ist alles Illusion, - was nicht aus mir selber spricht,
- denn es ist ein Zusatz, - dieses Eine nicht". -

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RE: Geisterlinks:

in Geister. - 28.10.2018 03:39
von Adamon • Nexar | 14.434 Beiträge


Abb. 14: Der Küchenboden wurde mit einer Plexiglasscheibe bedeckt und versiegelt. Copyright/Quelle: Archiv IGPP

Gegen Ende 1972 änderte sich die öffentliche Meinung wieder zugunsten der anomalistischen Hypothese, noch bevor die vielbeachtete parapsychologische Konferenz am 16. und 17. Juni 1973 in Barcelona stattgefunden hatte.[38] Benders Einbeziehung in den Fall wie auch sein Vortrag in Madrid mögen dabei eine wichtige Rolle gespielt haben, weil er als prominenter internationaler Experte angesehen wurde.[39] Argumosa selbst gab ein Seminar zum Thema Parapsychologie an der Universidad Autónoma de Madrid (UAM). Benders Übersetzerin sprach von „paranormalen Wellen (, die) immer höher schlagen“ in dem Land.[40]
Am 10. und 11. März 1973 machte eine Gruppe von etwa 150 Studenten der Universidad Autónoma de Madrid in Begleitung von Argumosa und José de Solas, einem Professor der Philosophie, eine Exkursion nach Bélmez, um parapsychologische Experimente (EVP-Aufnahmen) vor Ort durchzuführen. Dabei wurden etwa 30 Personen Zeugen, wie drei Gesichter vor ihren Augen auf dem Boden erschienen. Die Gesichter wurden fotografiert. Sie verschwanden allerdings nach wenigen Stunden wieder (Argumosa & Ramiro de Pano, 2014: 326–327, 329, 383 [Endnote 79]).[41]
Argumosa schlug dem Bürgermeister von Bélmez vor, für die Familie Pereira einen neuen Küchenraum zu bauen, um parapsychologische Experimente in der ursprünglichen Küche leichter durchführen zu können, ohne das Alltagsleben der Pereiras allzu sehr zu stören. Er würde die Hälfte der Kosten übernehmen.[42] Der Vorschlag wurde dann während der ersten Monate des Jahres 1973 realisiert.[43] Bender allerdings war nicht sehr überzeugt vom Sinn dieser Maßnahme. Er schrieb in einem Brief an seine Übersetzerin Renate Göhler: „Es wäre wahrlich besser, ein solches Experiment (er bezieht sich auf das gescheiterte experimentum crucis; G. M.) einmal exakt durchzuführen, als neue Zimmer zu bauen, was eventuell die ‚okkulte‘ Atmosphäre des Hauses stören könnte.“[44] Auch in der neu gebauten Küche erschienen Gesichter.[45]



Abb. 15: Bender interview Maria Gómez im September 1973. Zwischen den beiden befindet sich die Österreichische Gräfin Maria Grundermann von Falkenberg, die als Übersetzerin fungierte. Copright/Quelle: Archiv IGPP


Während seines dritten Besuchs in Bélmez im September 1973 versuchte Bender, eine weitere Replikation des Experiments zu dokumentieren, wobei dieses Mal auf die problematische Abdeckung des Bodens verzichtet wurde. Bender wurde, wie schon erwähnt, von einem deutschen Fernsehteam begleitet. Es war beabsichtigt, Interviews mit den Studenten sowie den beiden Reportern, die die ‚Materialisation‘ von Gesichtern beobachtet hatten, vor der Kamera durchzuführen.[46] Am wichtigsten war allerdings, dass sie sich spektakuläre Filmaufnahmen während des Öffnens des versiegelten Raums und die Verifizierung von neu erschienenen Gesichtern unter den kontrollierten Bedingungen erhofften. Fotografien von einzelnen markierten Quadranten des Fußbodens waren angefertigt und der Raum am 23. Juli versiegelt worden – alles dokumentiert von einem anwesenden Notar.[47] Die Resultate entsprachen jedoch nicht den Erwartungen. Einige Veränderungen in den schon bestehenden Gesichtern konnten zwar beim Vergleich mit den Fotografien, die vor der Versiegelung des Raums gemacht worden waren, entdeckt werden, und ein kleines Gesicht scheint auch verschwunden zu sein. Jedoch war die Qualität dieser Fotografien zu schlecht, um daraus zuverlässige Schlüsse hinsichtlich der Beweislage zu ziehen.[48]
Bender war von der paranormalen Qualität der Phänomene überzeugt, sah sich jedoch gezwungen, zu konstatieren: „Technical obstacles prevented reaching intended highest level of documentary evidence.“[49] (“Technische Hindernisse verhinderten das beabsichtigte höchste Niveau dokumentarischer Beweise.”)
Zwar war dies tatsächlich Benders letzter Besuch in Bélmez, doch hatte er sich überlegt, 1974 ein weiteres Experiment unter noch besser kontrollierten Bedingungen durchzuführen, etwa während der Zeit des dritten Jahrestags des ersten Erscheinens der Gesichter.[50] Allerdings wurde dieses Experiment, das die Installation einer Zeitrafferkamera mit einschließen sollte, nicht realisiert (mögliche Erklärungen werde ich im Abschnitt „Abschließende Überlegungen“ diskutieren).
Mit dem Jesuiten Padre Quevedo, der in Brasilien aufwuchs und zu jener Zeit in Spanien lebte, trat ein ‚Debunker‘[51] auf den Plan, dessen scharfe öffentliche Attacken gegen Argumosa, aber auch gegen Bender gerichtet waren.[52] Die Kontroverse erreichte ihren Höhepunkt im Dezember 1974 und Januar 1975 mit Zeitungsberichten und Radiosendungen. Quevedo hatte Benders Äußerung, wonach das intendierte höchste Level dokumentarischer Evidenz durch technische Hindernisse nicht erreicht werden konnte,[53] funktionalisiert, wohl in dem Sinn, dass Bender nicht von der Echtheit der Phänomene überzeugt sei. Bender sandte Argumosa als ‚Schützenhilfe‘ für ein neues öffentliches Aufeinandertreffen mit Quevedo ein Telegramm, in dem er seine Einschätzung der Phänomene als paranormal bestätigte (siehe Fußnote 49). Dieses Telegramm solle Quevedo unbedingt vor Beginn der Veranstaltung gezeigt werden. Die öffentliche Diskussion über Benders Telegramm zeigte jedoch nicht das gewünschte Resultat, da Quevedo die Äußerungen in einer eigenwilligen Art interpretierte.[54]



Abb. 16: Fernsehteam des Südwestfunk vor dem “Haus der Gesichter” im Jahr 1973. Copyright/Quelle: Archiv des IGPP

Fake News und die Fortschreibung von falschen Fakten

Fake News sind keine neue Erfindung der letzten Jahre, sondern spielten schon in den 1970er Jahren eine wichtige Rolle bei Themen, die eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit genossen. Wie schon erwähnt, gab es einen Versuch, den durch die Medien erzeugten Aufruhr zum Bélmez-Fall zu beenden. Bender sprach von einem „Feldzug gegen Bélmez, der (…) in der Presse ausgelöst wurde (…) (und) auf vollkommen falschen Behauptungen, falschen Unterstellungen von Geständnissen“ beruhte.[55] Das Letztgenannte bezog sich auf ein angebliches Geständnis des Fotografen von Bélmez, er habe die Gesichter produziert. So war es in etlichen Zeitungen zu lesen.[56] Demgemäß würde es sich um Betrug bzw. Fälschungen handeln. Jener Fotograf allerdings versicherte Bender in einem Interview, dass er nie ein solches Geständnis abgegeben habe. Es handelte sich um eine reine Erfindung durch einen Journalisten.[57]

Manche Verfechter eines paranormalen Ursprungs der Gesichter behaupten, dass eine dem Franco-Regime unterstehende sogenannte „Operación Tridente“ (Operation Dreizack) eingerichtet worden sei, um eine öffentliche Diskussion der Phänomene zu unterdrücken (Fernández Bueno, 1999: 65–71; Fernández Bueno & Sentinella, 2004: 81–91; Jiménez & Fernández, 2005: 165–191). Die drei Spitzen des Dreizacks seien repräsentiert durch die (1) Kirche, (2) gefälschte Untersuchungsergebnisse durch skeptische Wissenschaftler und (3) Maßnahmen der Regierung. Einige Kritiker bezweifeln, dass es je eine solche „Operación Tridente“ gegeben habe, und sehen es als eine Verschwörungstheorie an (z. B. Alonso, 2014: 44). Solche Zweifel scheinen gerechtfertigt zu sein, wie man aus den Interviews von Carballal (2007) mit früheren Mitgliedern der Guardia Civil ersehen kann. Alle verneinten die Existenz einer solchen Operation. Allerdings besteht kein Zweifel daran, dass für eine gewisse Zeit behördlicher Druck auf verschiedene Personen und auf die Presse ausgeübt worden war.[58] So erhielt etwa der Bürgermeister von Bélmez am 26. Februar 1972 einen Brief vom Chef des Landratsamtes, Pablo Núñez Moto, in dem ihm jeglicher Kommentar zu den Gesichtern verboten wurde. Bei Zuwiderhandlung wurde ihm die Suspendierung angedroht (Carballal, 1992; Fernández Bueno, 1999: 69). Und der Sohn des Fotografen in Bélmez berichtete Bender in einem Interview, dass ihm gegen Ende Februar 1972 von Professor Serrano, Assistent am Lehrstuhl für Politische Wissenschaften in Madrid, nahegelegt worden sei, sich nicht mehr zum Fall zu äußern. Er sei sogar bedroht worden.[59] Das gefälschte Geständnis des Fotografen und auch die Anschuldigung seines Sohnes finden wir in etlichen späteren Publikationen.[60] Das gleiche gilt für die angebliche Aufklärung des Falles als Betrug mithilfe einer falschen chemischen Formel.[61]

Eine große Rolle für die nachfolgende öffentliche Rezeption dieses Falles spielte die Tatsache, dass die Presse fast von Beginn an in die Untersuchungen involviert war, indem sie eine eigene Untersuchungsgruppe einsetzte, der auch zwei Reporter angehörten. Sie arbeiteten mit Argumosa zusammen und mögen wirklich an einer unvoreingenommenen Prüfung der Phänomene interessiert gewesen sein. Aber ihr Hauptziel musste natürlich sein, eine gut zu verkaufende Story zu bekommen (Cuevas & Sánchez-Oro, 2011). Sie wurden Zeugen des spontanen Erscheinens eines Gesichts.[62] Aus der Perspektive eines unzulänglich informierten skeptischen Lesers, der seine Informationen nur aus Zeitungsartikeln bezieht, werden allerdings ihre Bezeugungen möglicherweise automatisch entwertet durch die Tatsache, dass sie von Reportern eines Boulevardblattes stammen.

Zeitschrift für Anomalistik (ZfA):

Die Zeitschrift für Anomalistik versteht sich als ein wissenschaftliches Forum zur Förderung eines kontroversen Diskurses über wissenschaftliche Anomalien, außergewöhnliche menschliche Erfahrungen und sog. Parawissenschaften. Veröffentlicht werden empirische Forschungsberichte, allgemeine Abhandlungen zu methodischen, konzeptuellen, philosophischen oder wissenschaftshistorischen Aspekten, Review-Artikel, Kommentare und Diskussionsbeiträge, sowie Buchrezensionen. Leitende Forschungsfragen zu wissenschaftlichen Anomalien, außergewöhnlichen menschlichen Erfahrungen sowie Parawissenschaften sind die nach Wahrheitsgehalt und Erklärungsmodellen, nach den psychosozialen Hintergründen der damit verbundenen Überzeugungssysteme, sowie nach den sozialen Rahmenbedingungen von durch Anomalien provozierten Erkenntnisfortschritt in der Wissenschaft. Methodenpluralismus, konkurrierende wissenschaftstheoretische Ansätze, sowie interdisziplinäre Zugänge sind erwünscht.

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Abschließende Überlegungen

Aus dem Vorangegangenen dürfte klar geworden sein, dass selbst eine gründliche und gut
kontrollierte Untersuchung von paranormalen Phänomenen unter anscheinend guten Vorbedingungen und bei hohem Ressourcenaufwand schief gehen oder zumindest sehr schwierig werden kann aufgrund von nicht kontrollierbaren äußeren Einflüssen und Interessenskonflikten. Zu viele Parteien waren involviert, die zu verschiedene Interessen verfolgten, was dann den Fall ‚verdarb‘ (Cuevas & Sánchez-Oro, 2011).[63] Da Bender sich nicht in der Lage sah, alle wichtigen Untersuchungen selbst vor Ort durchzuführen, scheiterte die von ihm gewünschte Form der Dokumentation. Er war der Ansicht, dass die Experimente nicht mit der nötigen Genauigkeit und Akribie durchgeführt worden waren. In einem Brief an seine Übersetzerin Göhler vom 19. März 1973 beklagt er sich: „Das Plastik-Platten-Experiment ist gründlich vermasselt worden. Kein Notar bei der Entfernung der Platte, nun noch keine Foto-Aufnahmen, weil der ‚Entwickler‘ nichts taugte.“[64]

Das Interesse der Öffentlichkeit war schon vor Beginn der gründlichen Untersuchung in hohem Maße geweckt. Das führte zu großen Besucherscharen und einer starken Berichterstattung in öffentlichen Medien – mit all den für eine wissenschaftliche Untersuchung zumeist negativen Begleiteffekten. Dennoch blieb Bender zunächst optimistisch. Das angebliche Betrugsbekenntnis durch den Fotografen konnte als gefälscht zurückgewiesen werden, und das Erscheinen der Gesichter blieb trotz des öffentlichen Rummels nicht aus. Dies ermutigte ihn, weitere Untersuchungen in Kooperation mit dem Südwestfunk-Fernsehteam durchzuführen, um mit dem Versuch eines wissenschaftlichen Beweises gleichzeitig noch attraktives und überzeugendes Filmmaterial zu gewinnen.

Das vom SWF-Team in Bélmez aufgenommene Filmmaterial wurde jedoch nicht ausgestrahlt, da die Fernsehserie vorzeitig abgebrochen wurde. Ursprünglich war dies nur als eine temporäre Unterbrechung nach der Ausstrahlung der dritten Folge geplant. Vielsagend ist eine Überschrift der Mittelbayerischen Zeitung vom 23. Januar 1975:

“Fragwürdige ‘Psi’-Serie der ARD ist vorerst beendet. Benders Spukgeister streikten vor der Kamera. Keine Beweise fürs Übersinnliche erbracht / Naturwissenschaftler kündigen Kampf gegen Aberglauben an.”

Zu seinem Scheitern, den schlagenden Beweis für ein paranormales Geschehen zu erlangen, kam hinzu, dass Bender starken Gegenwind von verschiedenen Seiten erhielt. Die Presse reagierte fast durchgängig kritisch auf die erste Folge der Serie, in der es um Tonbandstimmenexperimente ging, und die Zuschauer waren gespalten.[65] Zudem stand noch Benders Pensionierung an, die auch die Frage nach seiner Nachfolge an der Universität aufwarf. Es kostete ihn einige Energie, sie in seinem Sinne zu regeln, weshalb eine weitere Bemühung um die Fertigstellung der noch ausstehenden drei Folgen wohl unter den gegebenen Umständen zu überfordernd für ihn war. Das Scheitern dieser Fernsehdokumentationsserie dürfte den Ambitionen Benders, mit Hilfe der Massenmedien auf eine seriöse Art und Weise der Parapsychologie zum Durchbruch zu verhelfen, einen kräftigen Dämpfer versetzt haben.

Ein Hauptargument der Skeptiker gegen die paranormale Qualität der Gesichter von Bélmez bezieht sich auf die Tatsache, dass Bender nie eine formale Publikation zu seinen Untersuchungen veröffentlicht hatte, trotz seiner Ankündigungen in den Jahren 1972 und 1973.[66] Das ist zwar kein wissenschaftliches Argument, aber grundsätzlich schon in Betracht zu ziehen. Es wäre vergleichbar mit dem bekannten „File-Drawer“-Problem in der experimentellen Parapsychologie[67] und könnte ebenfalls, bezogen auf diesen Fall, auf die anscheinend nicht existierenden oder zumindest nicht veröffentlichten Berichte der Polizei und des ‚offiziellen Untersuchungskommittees‘ angewendet werden, die offenbar keine Indizien für Betrug entdecken konnten. Berücksichtigt man allerdings Benders persönliche Situation (Suche nach einem Universitätsnachfolger) sowie seine Enttäuschung bezüglich der Fernsehserie und darüber hinaus seine chronische Arbeitsüberlastung, kann man darin genügend plausible Gründe dafür sehen, dass der Fall nicht Gegenstand einer ausführlichen Publikation von Bender geworden war.[68] Die große Bedeutung, die er den ‚Gesichtern‘ beimaß, lässt sich aus der Unterstützung von MacKenzies im Jahr 1987 veröffentlichter Fallrekonstruktion ersehen (MacKenzie, 1987: 24–41).[69]

Ein weiterer wichtiger Punkt bestand in der Bedeutung, die Argumosa den EVP-Experimenten beimaß. Als die involvierten Reporter die Serie mit dem Titel „Las caras hablan“ [Die Gesichter sprechen] starteten, unterstützte dies klar eine spiritualistische Interpretation der Phänomene, was ein Dorn im Auge vieler Parapsychologen war, inklusive Argumosas selbst. Es brachte zudem heftige Reaktionen (beispielsweise seitens des oben erwähnten Padre Quevedo) und Missverständnisse hervor. Dementsprechend kritisierte Alonso (2014: 97ff) Argumosa unter anderem scharf dafür, dass er hauptsächlich an Tonbandstimmenaufnahmen interessiert sei, und zitierte Teile aus dem offiziellen Bericht Argumosas für den Zivilgouverneur von Jaén.[70] Jemand, der nur wenig von Zugängen und Theorien der parapsychologischen Forschung versteht, kann leicht die aus Argumosas Bericht angeführten Punkte missverstehen. Hier müssen jedoch wissenschaftspolitische Gesichtspunkte mit in Betracht gezogen werden: Argumosa wollte sich von Amateurforschern und Journalisten abgrenzen, indem er auf einen internationalen Kongress zur Tonbandstimmenforschung hinwies, der in Italien stattfinden sollte. Außerdem entspricht es seinem eigenen methodischen Zugang zur Untersuchung von RSPK-Fällen, die Phänomene als Teil eines umfassenderen Geschehens zu verstehen. Seine Methode beinhaltet drei Hauptschritte: (1) das Ausschließen von Betrug, (2) die Untersuchung der Phänomene mit konventionellen wissenschaftlichen Methoden (z. B. Materialanalysen) und (3) die Anwendung parapsychologischer Untersuchungsmethoden (Argumosa & Ramiro de Pano, 2014: 347ff). Der letztgenannte Punkt gründet auf der Vorstellung, dass an einem vermeintlichen Spukort eine ganze Reihe verschiedener paranormaler Phänomene in Erscheinung treten können und nicht etwa nur ein einzelner Typ. Wenn es also möglich ist, überzeugende EVPs an einem solchen Ort aufzunehmen, so kann dies als starkes Indiz dafür gewertet werden, dass andere Phänomene ebenfalls ‚echt‘, d. h. paranormalen Ursprungs sind. Bender selbst schloss solche Methoden als zusätzlichen Input nicht grundsätzlich aus. So fragte er etwa den berühmten holländischen Hellseher Gérard Croiset, mit dem er teilweise erfolgreich bei mehreren Untersuchungen und Experimenten zusammengearbeitet hatte, im Rahmen eines Besuches am 11. Juni 1972 um dessen Einschätzung. Croiset beschrieb detailliert das Innere des Hauses des Fotografen und mahnte zur Vorsicht, da in dem Fall gefälscht worden sei.[71] Bender allerdings maß dieser Warnung nicht übermäßig viel Bedeutung bei. In einem Brief an seine Übersetzerin Renate Göhler schrieb er: „Das kann reine Phantasie oder eine telepathische Anzapfung der gesteuerten Presseberichte sein und beeindruckt mich nicht sonderlich.“[72]

Wenn man Benders Hauptanliegen in Betracht zieht, unanfechtbare Beweise für ein paranormales Geschehen zu erlangen, so wäre es das Beste gewesen, die Experimente auf konventionelle Methoden (also ohne EVPs etc.) zu beschränken und sie so betrugssicher wie möglich zu gestalten. Als aber das öffentliche Interesse wuchs, gerieten die Dinge außer Kontrolle. Zusätzlich zu dem Interesse der Massenmedien betraten noch unterschiedlichste Arten von Forschern die Szene. Einige führten Experimente mit hypnotisierten Medien durch,[73] ein Mediziner akupunktierte die Gesichter,[74] und der Futurologe und Astrologieprofessor Rafael Lafuente machte „sensationelle“ Voraussagen.[75] Von 1996 an begann die spanische Amateuruntersuchergruppe Sociedad Española de Investigaciones Parapsicológicas (SEIP) mit Untersuchungen und Experimenten (Fernández Bueno & Sentinella, 2004: 137–149). 2002 starteten sie die sogenannte Operación Génesis, die sich unter anderem mit dem Einfluss der gesundheitlichen und geistigen Verfassung von María auf die Gesichtszüge der Gesichter befasste (Alonso, 2014: 136ff; Fernández Bueno & Sentinella, 2004: 151–176). Dies alles hatte natürlich Auswirkungen auf die öffentliche Meinung bezüglich des Falls und der Forscher, die sich seiner Untersuchung widmeten.

Ein drittes, häufig von Skeptikern (und nicht nur von ihnen) ins Feld geführtes Argument betrifft die finanzielle Seite. Wenn größere Mengen von Geld im Spiel sind, wird dies allein schon häufig als sicherer Hinweis auf Betrug angesehen. Solche Überlegungen sind durchaus gerechtfertigt, aber es handelt sich auch hier nicht um ein wissenschaftliches Argument. César Tort, einer der Autoren des vielleicht bisher informativsten wissenschaftlichen Aufsatzes zu dem Fall (Tort & Ruíz-Noguez, 1993), veröffentlichte später eine kurze Notiz im Skeptical Inquirer (Tort, 1995). Darin hat er seine vormalig neutrale Position zugunsten einer skeptischen aufgegeben („my former neutrality was a bit inattentive“). Allerdings führt er kein einziges wissenschaftliches Argument zur Rechtfertigung seiner Neubewertung des Falles an. Fast die Hälfte des Textes erwägt Geldangelegenheiten („may have been perpetrating a hoax for financial gain”),[76] und in den anderen Teilen führt er Argumente der Skeptiker an, die von Beginn der ersten Untersuchungen des Falls an bekannt waren („The photo I took of the face called La Pelona […] has all the signs of having been sketched by an inexperienced hand – even infantile, I would say. And the same can be said of the ten other faces I photographed“). Hier können wir eine eher typische Entwicklung sehen: Mit zunehmender zeitlicher Distanz zu den Ereignissen wird die Tendenz zu einer Wiederherstellung der orthodoxen Realitätsordnung (siehe Mayer & Schetsche, 2016) zunehmend stärker. Die Beurteilungen basieren oft auf Sekundärquellen, die passend zur eigenen Meinung und Weltsicht ausgewählt werden.[77] Um ein im JSPR-Aufsatz von Tort & Ruíz-Noguez angeführtes Beispiel zu geben: Der Präsident der Spanischen Gesellschaft für Parapsychologie, Ramos Perera, der die Betrugshypothese vertritt, äußerte in einem Telefoninterview mit den Autoren im Jahr 1992, „that the fraud was done ‚by a photographer who retouched the originals‘“ (1993: 166). Nun basiert diese Aussage aber offensichtlich auf „Fake News“, die von einem Journalisten erfunden wurden.[78] Wenn man also einen relativ unverzerrten Eindruck von einem historischen Fall gewinnen möchte, ist es notwendig, oder zumindest hilfreich, die in den Archiven zugänglichen Primärquellen einzusehen, die in diesem faszinierenden Fall glücklicherweise sehr reichhaltig und ergiebig sind. Damit kann so manches schiefe Bild gerade gerückt werden.

Danksagung

Mein besonderer Dank gilt Pilar Ramiro de Pano für ihre unschätzbare Hilfe. In großzügigster Weise stellte sie Dokumente und Fotografien zur Verfügung und gab wichtige und erhellende Informationen zum Fall, die mir sehr geholfen haben, die Situation im Spanien der frühen 1970er Jahre besser zu verstehen.

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Andreas Müller
Hrsg. grenzwissenschaft-aktuell.de


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