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#1

Neandertaler:

in Mythologie & Weltgeschichte 02.11.2012 20:59
von Adamon • Nexar | 13.534 Beiträge

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Leipzig (Deutschland) - Der moderne Mensch inspirierte den Neandertaler kulturell, so das Ergebnis einer neuen präzisen C-14 Analyse von Funden aus der Grotte du Renne und aus Saint Césaire in Frankreich. Diese Einschätzung des internationalen Forscherteams um Jean-Jacques Hublin vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie deutet auf einen kulturellen Austausch zwischen modernen Menschen und Neandertalern vor etwa 40.000 Jahren hin.

Darüber, ob die archäologische Kultur des Châtelperronien (CP) am Übergang vom Mittel- zum Jungpaläolithikum von Neandertalern oder modernen Menschen stammt, streiten Fachleute schon seit Langem. Wie die Forscher aktuell im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS) berichten, konnten sie mit Hilfe eines Beschleuniger-Massenspektrometers das Alter der Knochenfunde äußerst präzise bestimmen. Die neuen 14C-Daten zeigen, dass Neandertaler die anspruchsvollen Werkzeuge und den Körperschmuck aus der CP-Kultur hergestellt haben. Da sie dies aber erst taten, nachdem vor etwa 40.000 Jahren moderne Menschen in benachbarten Regionen eingetroffen waren, vermuten die Forscher, dass zwischen diesen beiden Menschengruppen ein kultureller Austausch stattgefunden hat.

"Vor 50.000 bis 40.000 Jahren, als im westlichen Eurasien das Jungpaläolithikum begann, verdrängte der moderne Mensch den Neandertaler. Um zu verstehen, wie dieser Prozess vonstatten ging, spielen 'Übergangsindustrien' eine wichtige Rolle", erläutert die Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft. "Das Moustérien, eine Steinwerkzeugsindustrie des Mittelpaläolithikums, kann eindeutig dem Neandertaler und das Aurignacien, die älteste archäologische Kultur des europäischen Jungpaläolithikums, eindeutig dem modernen Menschen zugeordnet werden. Die Schöpfer der Übergangsindustrie Châtelperronien konnten bisher jedoch nicht eindeutig identifiziert werden."

Zuvor hatten die Archäologen in der französischen Grotte du Renne auf CP-Inventare entdeckt, die gut identifizierbare Überreste von Neandertalern enthielten. In den CP-Schichten der Höhle fanden die Forscher darüber hinaus auch recht anspruchsvolle Werkzeuge sowie Schmuckstücke aus Knochen. Trotz der Fossilienfunde blieb die Frage, ob Neandertaler fähig waren, derart anspruchsvolle Objekte herzustellen, in Fachkreisen weiterhin umstritten. "Dies ist zum Teil der Tatsache geschuldet, dass das Châtelperronien ein breites Spektrum von Verhaltensmerkmalen aufweist, die bereits an nachfolgende Industrien des Jungpaläolithikums erinnern. Diese späteren Industrien wurden unbestritten von modernen Menschen geschaffen", sagt Jean-Jacques Hublin. Einige Forscher vermuteten, dass eine Vermischung von Objekten aus verschiedenen archäologischen Schichten diese Vergesellschaftung erklären könnte.


Von Neandertalern während der archäologischen Kultur "Châtelperronien" hergestellte Knochenartefakte aus der Grotte du Renne. | Copyright: Marian Vanhaeren, Francesco d'Errico und Michèle Julien

Hublins Team wählte 40 gut erhaltene Knochenproben aus der Grotte du Renne aus. Die meisten dieser Proben stammten aus Bereichen, die CP-Schmuck oder Überreste von Neandertalern enthielten. Manche hatten ihren Ursprung auch in den tiefer liegenden älteren archäologischen Schichten des Moustérien oder in den darüber liegenden jüngeren Schichten des Protoaurignacien. Darüber hinaus untersuchten die Forscher den Schienbeinknochen eines Neandertalers aus Saint Césaire. Aus den Knochenproben extrahierten sie Kollagen, einen organischen Bestandteil des Bindegewebes, dessen Alter sie mittels Isotopenmessungen bestimmen konnten. Ein Beschleuniger-Massenspektrometer lieferte den Wissenschaftlern präzise 14C-Daten.

Die umfangreiche Datierung der Knochen aus der Grotte du Renne zeige, dass sich die verschiedenen archäologischen Schichten in dieser Fundstätte nicht nennenswert vermischt haben. "Die Phase des Châtelperronien fand entsprechend der neuesten Datierungen vor 44.500 bis 41.000 Jahren statt. Das Neandertalerskelett aus Saint Césaire entspricht mit einem Alter von etwa 41.500 Jahren dem Ende dieser Zeitperiode. Dies bestätigt, dass Neandertaler sowohl die CP-Industrien in Zentralfrankreich als auch den Schmuck aus Arcy-sur-Cure geschaffen haben."

"Diese Datierungen sind aus einem weiteren Grund von Bedeutung: Moderne Menschen begannen vor etwa 50.000 Jahren die letzten europäischen Neandertaler zu verdrängen und hatten Südfrankreich und Deutschland bereits besiedelt, als die Neandertaler die CP-Objekte herstellten", sagt Hublin. "Aufgrund der Datierungsergebnisse gehen wir davon aus, dass Neandertaler komplexe Knochenwerkzeuge und Schmuck erst produzierten, nachdem moderne Menschen diese neuen Verhaltensweisen in Westeuropa eingeführt hatten. Sehr wahrscheinlich standen die beiden Menschengruppen vor mehr als 40.000 Jahren in kulturellem Austausch."


Von Neandertalern während der archäologischen Kultur "Châtelperronien" hergestellter Körperschmuck aus der Grotte du Renne. (Arcy-sur-Cure, Frankreich). | Copyright: Marian Vanhaeren und Michèle Julien


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#2

RE: Neandertaler:

in Mythologie & Weltgeschichte 16.04.2013 15:09
von Adamon • Nexar | 13.534 Beiträge

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Marseille (Frankreich) - Anhand eines schon 1957 in Norditalien gefundenen Unterkiefers glauben Anthropologen nun, den ersten direkten Beweis für die erfolgreiche Vermischung zwischen Menschen und Neandertalern führen zu können.

Wie die Forscher um Silvana Condemi von der Aix-Marseille Université aktuell im Fachjournal "PLoS ONE" berichten, stammt der Unterkieferknochen von einer Person, die vor 40.000 bis 30.000 Jahren in Riparo di Mezzena in der Region Monti Lessini lebte.

Frühere Untersuchungen anhand von DNA-Analysen und Genom-Sequenzierungen konnten zwar bereits nachweisen, dass die DNA europäischer und asiatischer Menschen zwischen ein und vier Prozent Neandertaler-DNA beinhaltet (...wir berichteten), dennoch sind diese Ergebnisse bis heute Inhalt kontroverser Diskussionen rund um die Frage, ob sich Homo sapiens und Homo neanderthalensis erfolgreich vermischt haben

In ihrer Untersuchung des Fundes belegen die Forscher ihre Interpretation. "Anhand der Morphologie dieses Unterkiefers, glauben wir sagen zu können, dass diese Person sowohl physische Merkmale von Neandertalern mit einem deutlich fliehenden Kinn und modernen Menschen mit meist ausgeprägter Kinnpartie aufzeigte."

Die anhand des Fundes durchgeführte DNA-Analyse sowie der 3D-Abbildung und -Rekonstruktion verglichen die Wissenschaftler mit denen der gleichen Merkmale des Homo sapiens, also moderner Menschen.

Aus der Genanalyse geht hervor, dass die mitochondriale DNA die eines Neandertalers ist. Da diese "mDNA" nur von der Mutter an ihre Kinder weitergegeben wird, lässt sich aus diesem Umstand schlussfolgern, dass sich hier ein weiblicher Neandertaler mit einem männlichen Homo sapiens vermischt hatte.

Anhand von Funden aus Regionen, u.a. auch aus Riparo di Mezzena, in denen mehrere Tausend Jahre Neandertalern als auch modernen Menschen lebten, schlussfolgern die Forscher weiterhin, dass zwar offenbar eine sexuelle Vermischung der beiden Menschenarten stattgefunden hatte, dass aber zumindest die Neandertaler weiterhin fasst ausschließlich an ihrer eigenen Kultur festhielten.

Für die Forscher ist diese Beobachtung von besonderem Interesse, belege sie doch, dass sich die beiden Populationen zwar getroffen und hier und da sogar erfolgreich gepaart, sich jedoch nicht zu einer gemeinsamen neuen Gruppe vermischt hatten.

Der Kieferfund belegt für die Forscher sodann, dass es zu einer langsamen Verdrängung der Neandertaler kam, die durch die sich zusehends ausbreitenden modernen Menschen nach und nach ersetzt wurden. Vor diesem Hintergrund erläuterte Condemi gegenüber "discovery.com“, dass es sich bei dem Menschen, dessen Unterkiefer Inhalt der Untersuchungen war, wohl eher nicht um das Produkt einer „Liebesbeziehung“ zwischen Neandertalerin und modernem Menschen handelt. Vielmehr sei wahrscheinlich, dass die Neandertalerin - möglicherweise in Rahmen einer frühen Form von ethnischer Säuberung - von Homo sapiens vergewaltigt wurde.

http://www.plosone.org/article/info%3Ado...pone.0059781#s2



Ansichten der Fragmente des sog. Mezzen-Kiefers. | Copyright/Quelle: S. Condemi et al. / plosone.org


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RE: Neandertaler:

in Mythologie & Weltgeschichte 04.09.2013 20:10
von Adamon • Nexar | 13.534 Beiträge

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Leipzig (Deutschland) - In zwei benachbarten altsteinzeitlichen Ausgrabungsstätten im Südwesten Frankreichs haben Archäologen Neandertaler-Werkzeuge aus Knochen entdeckt, die sogenannten Lissoirs - also Schleifgeräten mit denen Leder weicher, glatter und wasserbeständiger gemacht werden kann - sehr ähnlich sind. Die Werkzeuge unterscheiden sich von allen zuvor in Neandertaler-Stätten gefundenen Geräten und stellen die ersten von einer Menschenart in Europa überhaupt hergestellten Spezialwerkzeuge dar.

Tatsächlich, so berichten die Forscher vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und von der Universität Leiden in den Niederlanden aktuell im Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS, DOI: 10.1073/pnas.1302730110), werden noch heute, 50.000 Jahre nach den Neandertalern und der Ankunft der ersten anatomisch modernen Menschen in Europa, werden sogenannte Lissoirs zur Verarbeitung von Tierhäuten benutzt.

Vor dem Fund waren sich Forscher uneins in der Frage, welche kulturellen Fertigkeiten die Neandertaler schon besaßen, bevor sie auf den modernen Menschen trafen. ist noch immer umstritten: Während einige Forscher der Meinung sind, dass Neandertaler über kulturelle Fähigkeiten ähnlich denen des modernen Menschen verfügten, glauben andere, dass diese Ähnlichkeiten erst auftraten, nachdem moderne Menschen und Neandertaler einander begegnet waren. Vor etwa 40.000 Jahren hat der moderne Mensch den Neandertaler in Europa schließlich verdrängt.

"Zum jetzigen Zeitpunkt sind die Knochenwerkzeuge aus Abri Peyrony und Pech-de-l’Azé I die besten Belege dafür, dass die Neandertaler selbst eine Technologie entwickelt hatten, die man bisher ausschließlich mit modernen Menschen in Verbindung brachte", erklärt Shannon McPherron vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Er und Michel Lenoir von der Universität Bordeaux haben Ausgrabungsarbeiten in Abri Peyrony durchgeführt, wo drei der Knochen gefunden wurden.

"Sollten Neandertaler diesen Knochenwerkzeugtyp selbst entwickelt haben, übernahmen moderne Menschen die Technologie möglicherweise von ihnen. Als sie Europa besiedelten, brachten moderne Menschen scheinbar nur spitze Knochenwerkzeuge mit, stellten aber wenig später Lissoirs her. Dies ist der erste Hinweis darauf, dass es möglicherweise zu einem 'kulturellen' Transfer zwischen Neandertalern und unseren direkten Vorfahren gekommen ist", sagt Marie Soressi von der Universität Leiden. Zusammen mit William Rendu vom CNRS fanden Soressi und ihr Team das erste von vier Knochenwerkzeugen während ihrer Ausgrabungsarbeiten in der klassischen Neandertalerfundstätte Pech-de-l’Azé I.

Die Forscher können jedoch nicht völlig ausschließen, dass der moderne Mensch früher in Europa eingetroffen sein könnte als bisher bekannt und so das Verhalten der Neandertaler beeinflusst hat. Um dieser Frage nachzugehen, müssen weitere Fundstätten in Zentraleuropa erschlossen werden, die besser konservierte Knochen enthalten.

Auch ist derzeit noch nicht bekannt, wie weit verbreitet diese neue Verhaltensweise der Lissoir-Herstellung bei den Neandertalern war. Bei den ersten drei Fundstücken handelte es sich um jeweils wenige Zentimeter lange Fragmente, die man kaum als Werkzeuge erkannt hätte. "Legt man aber diese kleinen Fragmente zusammen und vergleicht sie mit Funden aus jüngeren Ausgrabungsstätten, wird ein Muster deutlich", sagt McPherron. "Im vergangenen Sommer sind wir dann auf ein größeres, vollständigeres Werkzeug gestoßen, unverkennbar ein Lissoir, wie wir ihn in jüngeren Fundstätten des modernen Menschen oder sogar heutzutage in einer Lederwerkstatt finden."

Mikroverschleißanalysen an einem der Knochenwerkzeuge zeigen Spuren, die auf eine Anwendung des Werkzeugs auf ein weiches Material hindeutet, wie z.B. Tierhaut. Moderne Lederarbeiter nutzen ähnliche Werkzeuge noch heute. "Lissoirs wie diese eignen sich so gut zur Bearbeitung von Leder, dass ich 50.000 Jahre nachdem die Neandertaler sie herstellten, über das Internet von einer Website, die traditionelle Handwerkszeuge verkauft, ein fast baugleiches Exemplar bestellen konnte", sagt Soressi. "Dass sich das Werkzeug im Laufe der Zeit kaum verändert hat, zeigt, wie effizient es ist. Es könnte sich dabei um das einzige Erbe aus der Zeit der Neandertaler handeln, das unsere Gesellschaft heute noch nutzt."

Dies sind nicht die ersten von Neandertalern hergestellten Werkzeuge aus Knochen; die bisher bekannten ähnelten jedoch in ihrer Form eher Steinwerkzeugen und wurden auch mithilfe von Steinbearbeitungstechniken hergestellt. "Neandertaler stellten manchmal Schaber und sogar Faustkeile aus Knochen her. Sie nutzen Knochen auch als Hämmer, um ihre Steinwerkzeuge zu schärfen", sagt McPherron. "Hier aber haben wir ein Beispiel dafür, dass Neandertaler sich die Biegsamkeit und Flexibilität von Knochen zunutze machten, ihnen eine neue Form gaben und damit Arbeiten verrichteten, die sie mit Steinen nicht hätten ausführen können."


Rekonstruktion, wie die aus den Rippen von Rotwild hergestellten Lissoirs verwendet wurden, um Tierhäute geschmeidiger, glänzender und wasserbeständiger zu machen. Die natürliche Flexibilität der Rippen sorgt dabei für einen ständigen Druck auf die Tierhaut, ohne sie jedoch zu zerreißen. Im unteren Teil der Abbildung sieht man, wie der Abwärtsdruck schließlich zum Bruch führt, bei dem kleine Fragmente – ähnlich den drei gefundenen - entstehen. | Copyright: Abri Peyrony & Pech-de-l’Azé I Projects

Die Knochenwerkzeuge wurden in Ablagerungsschichten gefunden, die typische Neandertaler-Steinwerkzeuge sowie Knochen von gejagten Tieren wie Pferden, Rentieren, Rotwild und Bisons enthielten. Sowohl in Abri Peyrony als auch in Pech-de-l’Azé I gibt es keine Hinweise auf eine Nachnutzung der Stätte durch moderne Menschen, die die darunterliegenden Ebenen verunreinigt haben könnten. Beide Fundstätten beherbergten ausschließlich Neandertaler.

Die Datierung der verweist auf ein Alter von etwa 50.000 Jahren. Somit sind sie älter als die ersten Belege der Herstellung von Spezialwerkzeugen durch modernen Menschen in Westeuropa und viel älter als andere spezialisierte Technologien zur Herstellung von Werkzeugen aus Knochen.




Vier Ansichten des am vollständigsten erhaltenen Lissoirs, der bei Ausgrabungsarbeiten in der Neandertalerfundstätte Abri Peyroni entdeckt wurde. | Copyright: Abri Peyrony & Pech-de-l’Azé I Projects


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#4

RE: Neandertaler:

in Mythologie & Weltgeschichte 02.12.2013 07:20
von Adamon • Nexar | 13.534 Beiträge

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Bonn (Deutschland) - Ein neu entdeckter Rezeptor, mit dem das Immunsystem erkennen kann, ob Eindringlinge gefährlich sind und beseitigt werden müssen, haben internationale Wissenschaftler bereits im Genom des Neandertalers entdeckt. Der Rezeptor, so vermuten die Forscher, ermöglichte diesem Urmenschen wahrscheinlich eine bessere Immunität und war damit ein klarer Selektionsvorteil.

Wie die Forscher um Prof. Dr. Norbert Koch vom Institut für Genetik, Abteilung Immunbiologie, an der Universität Bonn in der kommenden Ausgabe der Fachzeitschrift "Journal of Biological Chemistry" (DOI: 10.1074/jbc.M113.515767) berichten, muss das menschliche Immunsystem beim Angriff von Krankheitserregern auf den menschlichen Körper entscheiden, ob es sich um gefährliche Eindringlinge oder körpereigene Moleküle handelt.

Im Lauf der Evolution habe sich ein sehr effizientes System herausgebildet, das entfernt an die Methoden von Geheimdienstagenten erinnere, so die Pressemitteilung der Bonner Universität. Das humane Leukozytenantigen-System (HLA) bringt mit Hilfe bestimmter Gene Rezeptoren hervor, die die Gefährdungseinstufung der Krankheitserreger anhand deren Steckbrief von nur acht Aminosäuren vornehmen. "Diese Leistung lässt sich mit einem Text vergleichen, der von einem Spion anhand weniger Buchstaben eines Wortes als 'gefährlich' erkannt wird", erläutert Koch.


Um diesen geheimen unbekannten Text lesen zu können, zerlegt das Immunsystem die Eindringlinge in ihre Peptide und scannt dann einen Teil ihrer Aminosäureabfolgen. Insgesamt waren bislang drei verschiedene Peptid-Rezeptoren bekannt, die beim Menschen in mehr als 1000 verschiedenen Ausprägungen verräterische Buchstabenfolgen lesen können. "Diese Vielfalt ist erforderlich, damit das Immunsystem die gesamte Bandbreite der für den Menschen relevanten Krankheitserreger einstufen kann", erklärt Prof. Koch. Einen vierten Rezeptor als weiteren 'Spion' hat nun ein internationales Forscherteam der Universität Düsseldorf, der TU München, der Jacobs Universität Bremen und der Universität Cambridge unter Federführung der Immunbiologen der Universität Bonn gefunden.

Dieser Rezeptor mit dem Kurznamen "HLA-DRaDPa" besteht aus der Kombination von Untereinheiten bereits bekannter Rezeptoren. Die Wissenschaftler verglichen die Gensequenz, die den neu entdeckten Rezeptor kodiert, mit bestehenden Datenbanken und stellten fest, dass schätzungsweise zwei Drittel der Europäer über diese wichtige Struktur verfügen. Überraschend für die Wissenschaftler war jedoch, dass die für diesen Rezeptor erforderliche Gensequenz bei den Menschen im südlichen Afrika praktisch nicht vorkommt – obwohl dort doch die "Wiege der Menschheit" liegt. "Als der frühe Mensch als Vorfahr des heutigen Menschen Afrika verließ und vor einigen hunderttausend Jahren nach Europa einwanderte, verfügte er noch nicht über diesen Rezeptor“, so Koch.

Des Rätsels Lösung offenbarte sich dann jedoch bei der Analyse der Gensequenz des Neandertalers, die über die entscheidende Gensequenz verfügt und so den Bauplan für den Rezeptor enthält, wie sie mit der betreffenden Gensequenz bei heutigen Menschen fast identisch ist.

Der Neandertaler muss also im Gegensatz zu unseren Vorfahren aus Afrika bereits über diesen für das Immunsystem so wichtigen Rezeptor verfügt haben. "Die Neandertaler lebten wahrscheinlich viele Hunderttausend Jahre in Europa und konnten in dieser Zeit den HLA-Rezeptor entwickeln, der ihnen eine Immunität gegen viele Krankheitserreger verlieh - das war ein klarer Evolutionsvorteil", sagt der Immunbiologe der Universität Bonn. Der Wissenschaftler vermutet, dass wir moderne Menschen diesen vorteilhaften Rezeptor dem Neandertaler zu verdanken haben, als dieser sich mit dem anatomisch modernen Menschen vermischte.

grenzwissenschaft-aktuell.de
Quelle: uni-bonn.de


Rekonstruktion eines Neandertalers in modernem Outfit. | Copyright: Neanderthal Museum/H. Neumann, neanderthal.de


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#5

RE: Neandertaler:

in Mythologie & Weltgeschichte 29.12.2013 14:03
von Adamon • Nexar | 13.534 Beiträge

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Leipzig (Deutschland) - Einem internationalen Forscherteam ist es erstmals gelungen, das Genom einer Neandertalerfrau in sehr hoher Qualität zu entziffern. Die Gensequenz gibt den Forschern damit erstmals detaillierte Einblicke in die Verwandtschaftsverhältnisse und Populationsgeschichte der Neandertaler und anderer bereits ausgestorbener Menschengruppen. "Die Ergebnisse zeigen, dass ein Genfluss zwischen diesen Gruppen durchaus üblich war, wenn auch in kleinem Umfang." Zusätzlich präsentieren die Forscher eine endgültige Liste von DNA-Sequenzänderungen, die alle heute lebenden Menschen von unseren nächsten ausgestorbenen Verwandten unterscheiden.

Schon 2006 initiierte Svante Pääbo, Direktor des Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig ein Projekt, das die Sequenzierung des Neandertaler-Genoms zum Ziel hatte. Im Rahmen dieses Projekts veröffentlichte er im Jahre 2010 eine vorläufige Version des Neandertaler-Genoms, die zeigte, dass die Neandertaler Gene an alle heute außerhalb Afrikas lebenden Menschen weitergegeben hatten. Neandertaler und moderner Mensch - so zeigte schon das damalige Ergebnis – hatten sich also erfolgreich vermischt


Ein weiteres Ergebnis des Projekts war die Entdeckung einer neuen bereits ausgestorbenen Menschengruppe, der Denisova-Menschen, die mit den Neandertalern verwandt waren und Gene an heute in Ozeanien lebende Menschen weitergegeben hatten (...wir berichteten).

Mit der Fertigstellung eines Neandertaler-Genoms in sehr hoher Qualität, hat das Projekt jetzt das einst gesteckte Ziel erreicht, indem jede Position im Genom im Schnitt 50 Mal sequenziert wurde. "Der eindeutige Teil des Genoms, der jetzt rekonstruiert wurde, ist qualitativ gleichwertig oder sogar besser als vorliegende Genome heute lebender Menschen", berichten die Forscher aktuell im Fachjournal "Nature" (DOI: 10.1038/nature12886).

Das Genmaterial für die DNA-Sequenzierung lieferte ein etwa 50.000 Jahre alter Zehenknochen einer Neandertalerfrau, der im Jahre 2010 von einem russischen Archäologenteam unter der Leitung von Anatoli Derevianko und Michael Shunkov von der Russischen Akademie der Wissenschaften in der Denisova-Höhle im Süden Sibiriens ausgegraben wurde. "Das qualitativ hochwertige Neandertalergenom verfeinert und erweitert unser Wissen über die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen den Neandertalern und heute lebenden Menschen sowie bereits ausgestorbenen Menschengruppen", so die Forscher in der Pressemitteilung der Max-Planck-Gesellschaft (mpg.de).



Aus diesem winzigen Zehenknochen eines Neandertalers aus der Denisova-Höhle stammt die nun entschlüsselte Erbinformation. | Copyright: MPI f. evolutionäre Anthropologie/ B. Viola

Die Wissenschaftler präzisieren, dass ein Anteil von etwa 1,5 bis 2,1 Prozent im Genom von heute außerhalb Afrikas lebenden Menschen vom Neandertaler stammt. Die neuen Daten zeigen darüber hinaus, dass etwa 0,2 Prozent im Genom heute lebender Festland-Asiaten und Amerikanischer Ureinwohner auf den Denisova-Menschen zurückzuführen sind.
Die hochwertigen Genomsequenzen von Neandertalern und Denisova-Menschen ermöglichen es den Forschern jetzt erstmals zu klären, ob es zu Kreuzungen zwischen diesen ausgestorbenen Gruppen gekommen ist.

Das Ergebnis: Neandertaler haben wenigstens 0,5 Prozent ihres Erbguts an die Denisova-Menschen weitergegeben. Darüber hinaus unterscheidet sich das Genom des Denisova-Menschen vom Neandertaler-Genom insofern, dass es zusätzlich etwa 2,7 bis 5,8 Prozent der DNA eines unbekannten Vertreters der Gattung Homo enthält. "Diese alte Population von Homininen existierte bereits zu einer Zeit, bevor sich Neandertaler, Denisova-Menschen und moderne Menschen voneinander getrennt hatten", sagt Kay Prüfer. "Es ist möglich, dass es sich bei diesem unbekannten Homininen um die als Homo erectus bezeichnete Menschenart handelt. Weitere Studien sind nötig, um dies zu bestätigen oder zu widerlegen."

Zudem entdeckten die Wissenschaftler, dass die Eltern der Neandertalerfrau aus dem Altai nah miteinander verwandt gewesen sein müssen. "Wir führten verschiedene Inzuchtszenarien am Computer durch und entdeckten, dass die Eltern dieser Neandertalerfrau entweder Halbgeschwister mütterlicherseits, Großcousin und Großcousine, Onkel und Nichte, Tante und Neffe, Großvater und Enkelin oder Großmutter und Enkelsohn gewesen sein müssen", sagt Montgomery Slatkin, ein Poulationsgenetiker der US-amerikanischen University of California at Berkeley, der einen Teil der Genomanalysen leitete. Weitere Untersuchungen ergaben, dass die Populationsgrößen der Neandertaler und Denisova-Menschen klein waren und Inzucht in Neandertalergruppen möglicherweise üblicher war als in modernen menschlichen Populationen.

Mithilfe des hochwertigen Neandertalergenoms hat das Forscherteam aus Leipzig jetzt auch einen endgültigen Katalog der Änderungen im Genom zusammengestellt, in denen sich heute lebende Menschen von Neandertalern, Denisova-Menschen und den Menschenaffen unterscheiden. "Diese Liste von DNA-Sequenzänderungen ist vergleichsweise kurz", sagt Svante Pääbo. "Es handelt sich dabei um einen Katalog genetischer Änderungen, die alle modernen Menschen von allen anderen lebenden und bereits ausgestorbenen Organismen unterscheiden. Ich glaube, dass unter allen Änderungen in diesem Katalog auch diejenigen versteckt sind, die für die enorme Expansion menschlicher Populationen sowie die Entwicklung menschlicher Kultur und Technologie in den letzten 100.000 Jahren verantwortlich sind."


Svante Pääbo mit Neandertalerschädel. | Copyright: Frank Vinken, mpg.de


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#6

RE: Neandertaler:

in Mythologie & Weltgeschichte 07.09.2014 07:12
von Adamon • Nexar | 13.534 Beiträge

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Gibraltar - In der Gorham-Höhle auf Gibraltar haben Archäologen Felsritzungen und Gravuren entdeckt, die sie Neandertalern zuschreiben. Bislang glaubte man, dass erst der moderne Mensch dekorative Kunstwerke erschuf. Die Felsgravuren datieren die Forscher auf ein Alter von mehr als 39.000 Jahren und stützen damit die schon 2012 erstmals geäußerte Theorie, dass schon die Neandertaler Kunstwerke an Höhlenwänden hinterlassen haben.

Wie das internationale Team um Ruth Blasco und Clive Finlayson vom Gibraltar-Museum aktuell im Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS; DOI: 10.1073/pnas.1411529111) berichtet, fanden sich die kreuzartigen Gravuren auf einer natürlichen Plattform in der zum Meer hin geöffneten Gorham-Höhle, die schon lange als einstige Behausung von Neandertalern bekannt ist.

Mit einem Alter von mehr als 39.000 Jahren stammen die Felsritzungen also aus einer Zeit, als der moderner Mensch (Homo sapiens) noch nicht auf Gibraltar angekommen war. Weitere Funde von Werkzeugen in der Deckschicht der Höhle ordnen die Forscher der "Moustérien-Kultur" der Neandertaler zu.


Der Eingang zur Gorham-Höhle auf Gibraltar. | Copyright: The Gibraltar Museum/ Clive Finlayson

Auch, dass die Gravuren unbeabsichtigt entstanden und somit keine weitere Bedeutung haben, schließen die Forscher aus, da Versuche mit dem Höhlen-Kalkstein und spitzen Steinen für die Fleischverarbeitung eine gänzlich andere Art von Rillen hinterließ als die gefundenen Gravuren. Es handele sich also wahrscheinlich vielmehr im weitesten Sinne um Dekor also um Gebrauchsspuren.

Um das vorgefundene Muster in Versuchen mit vorhandenen Materialien zu reproduzieren, benötigten die Forscher für die tiefsten Rillen mindestens 54 Schläge. Das Gesamtbild wurde erst mit 317 Schlägen erreicht - ein weiterer Grund, weshalb die Wissenschaftler von einem absichtlich in die Wand gebrachten Muster ausgehen. Somit scheinen Tiefe und Länge der Rillen auf ein zielgerichtetes Wirken des einstigen Neandertaler-Künstler hinzudeuten.

Während die meisten Anthropologen ausschließlich moderne Menschen als Schöpfer der ersten Höhlenmalereien und Gravuren sehen, zweifelte schon eine 2012 veröffentlichte Studie an dieser Vorstellung. Mit einer Neudatierung von Hand-Negativen und symbolischen Darstellungen in nordspanischen Bilderhöhlen auf ein Alter von mindestens 40.800 Jahren rückten die Forscher seither die Neandertaler als früheste Künstler überhaupt in den Blickpunkt



Kreuzförmige Felsritzungen in der Gorham-Höhle auf Gibraltar. |
Copyright: The Gibraltar Museum/ Clive Finlayson


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#7

RE: Neandertaler:

in Mythologie & Weltgeschichte 14.10.2014 15:10
von Adamon • Nexar | 13.534 Beiträge

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Leipzig (Deutschland) - Eine, internationalen Anthropologenteam ist der Nachweis gelungen, dass der modernen Mensch den zentraleuropäischen Raum schon deutlich früher besiedelt hatte als bislang bekannt. Anhand von Werkzeugfunden datieren die Wissenschaftler die Anwesenheit früheste von Homo sapiens auf rund 43.500 Jahre. Eine Untersuchung des Bodens ergab, dass damals ein kühles Klima vorherrschte und in der steppenähnlichen Landschaft Nadelholzwälder entlang der Flusstäler wuchsen. Das Alter der Fundstücke belegt damit aber nicht nur, dass moderne Menschen Zentraleuropa früher besiedelten sondern auch, dass sie sich die Region über einen längeren Zeitraum hinweg mit den Neandertalern teilten als bisher angenommen.

Wie die Forscher um Philip Nigst von der University of Cambridge und vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Bence Viola am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie aktuell im Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences" (PNAS; DOI: 10.1073/pnas.1412201111) berichten, haben sie Steinwerkzeuge untersucht, die sie während einer Neuausgrabung in der Fundstätte der sogenannten "Venus von Willendorf" in Österreich entdeckt hatten. Diese Werkzeuge konnten nun der archäologischen Kultur des Aurignacien zugeordnet werden, die generell als Indiz für die Präsenz moderner Menschen gilt.

"In Willendorf konnten wir das frühe Aurignacien auf ein Alter von 43.500 Jahren datieren, um einiges früher als anderswo. Darüber hinaus überschneidet sich das mit direkt datierten Überresten von Neandertalern“, erläutert Philip Nigst.

Über welche Fähigkeiten Neandertaler verfügen, wird noch immer heiß diskutiert. Während einige Forscher der Meinung sind, dass die kulturellen Fertigkeiten der Neandertaler denen der modernen Menschen ähnelten, bevor sie von diesen verdrängt wurden, denken andere, dass die Ähnlichkeiten erst dann auftraten, als Neandertaler mit modernen Menschen in Kontakt kamen. "Die neuen Daten aus Willendorf zeigen deutlich, dass moderne Menschen schon im heutigen Österreich lebten, als Teile Europas noch von Neandertalern besiedelt waren. Die beiden Arten trafen also möglicherweise aufeinander, und es kam zu einem Partner- und Ideenaustausch", so der Forscher Nigst. "Die Veränderungen der materiellen Kultur der letzten Neandertalergruppen stehen also sehr wahrscheinlich mit dem direkten oder indirekten Kontakt der Neandertaler mit modernen Menschen im Zusammenhang", fügt Jean-Jacques Hublin, Direktor der Abteilung für Humanevolution am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie hinzu.

Besonders interessant sei, dass das Aurignacien in Willendorf in einer relativ kalten Klimaperiode auftritt, wie dies die Forscher anhand von Bodenanalysen aufzeigen konnten. "Diese frühesten (die aus den wärmeren Landschaften Südeuropas kamen) Siedler waren also bereits an verschiedene klimatische Bedingungen angepasst, für die sie verschiedene Überlebensstrategien benötigen“, sagt Nigst abschließend.


Archiv: Schädelvergleich zwischen modernem Menschen (l.) und Neandertaler. | Copyright: Foto/Bearbeitung: Matt Celeskey via Flickr/DrMikeBaxter via Wikimedia.org / CC-bySA 2.0


Dateianlage:
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RE: Neandertaler:

in Mythologie & Weltgeschichte 16.12.2014 20:31
von Adamon • Nexar | 13.534 Beiträge

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Knochenspitzen aus Mokriška jama, Slowenien. | Copyright: Foto: Tomaž Lauko, Slowenisches Nationalmuseum Ljubljana

Neuwied (Deutschland) - Dass sich Neandertaler und moderne Menschen zweitweise nicht nur einen weitflächigen Lebensraum teilten, sondern auch aufeinander trafen und sich sogar vermischten, gilt mittlerweile anhand von DNA-Analysen als gesichert. Wie sich das Nebeneinander beider Menschenarten jedoch genau gestaltete und wo sie sich trafen, bleibt indes eine kontrovers diskutierte Forschungsfrage. Zumindest Mitteleuropa war, das zeigt nun eine aktuelle Studie, jedoch nicht wie bislang vermutet, die Kontaktzonen der beiden Menschenarten.

Wie das internationale Team um Dr. Luc Moreau vom Archäologischen Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution (MONREPOS) am Römisch-Germanisches Zentralmuseum (RGZM) - Forschungsinstitut für Archäologie aktuell im Fachmagazin "Journal of Human Evolution" (DOI: 10.1016/j.jhevol.2014.09.007) berichtet, haben sie untersucht, welchen Beitrag Neandertaler zur ältesten modernmenschlichen Kultur Europas, dem sogenannten "Aurignacien", geleistet haben.

Hierzu haben die Archäologen Knochenspitzen und Steingeräte von rund 30 bis 40.000 Jahre alter hochalpinen Fundstellen in Slowenien untersucht, gilt diese Zeit doch als eine der turbulentesten Phasen der frühen Menschheitsgeschichte in Eurasien: "Schlagartig tritt ein ganzes Paket kultureller Neuerungen mit Kunst, Musik und Bestattungen auf", erläutert die Pressemitteilung des RGZM und führt weiter aus: "Zeitgleich vollzieht sich ein umfassender demographischer Wandel: anatomisch moderne Menschen wandern vor über 43.000 Jahren nach Europa ein und die Neandertaler verschwinden. Fest steht, dass es ein zeitweises Nebeneinander beider Menschenarten gab. Denn genetisch sind wir noch heute ein stückweit Neandertaler."

Das südliche Mitteleuropa zwischen Balkan und Mittelmeer, nimmt als potentielle Einwanderungspassagen des anatomisch modernen Menschen eine Schlüsselposition für die Untersuchung des Aurignacien ein: Waffenspitzen aus Knochen, Geweih oder Elfenbein, ein wesentliches Merkmal des modernmenschlichen Innovationspakets, treten hier in Massen auf. "Dass bereits Neandertaler Waffenspitzen aus Knochen, Geweih oder Elfenbein hergestellt haben, möglicherweise in Folge einer Interaktion mit modernen Menschen, ließ sich nach Lage der archäologischen Befunde bislang nicht ausschließen. Deshalb nehmen die Knochenspitzen eine wichtige Stellung in der Forschungsdiskussion um die Entstehung von kultureller Modernität am Übergang zwischen Neandertalern und modernen Menschen ein. Es hat mich besonders gereizt, hierfür endlich eine solide Diskussionsbasis zu schaffen", so Dr. Luc Moreau.

In ihrer Studie haben die Forscher nun den Beginn des Aurignacien im südlichen Mitteleuropa erstmals auf ein verlässliches chronologisches Fundament gestellt. Die neuen Datierungen typischer Knochenspitzen, darunter auch solche mit gespaltener Basis, durch die 14C-Methode ergaben nun jedoch ein Alter um 32.000 Jahren. Das ist wesentlich jünger, als die letzten Neandertaler in dieser Region!

"Hier sind sich Neandertaler und moderne Menschen also offenbar nicht begegnet", so die Schlussfolgerung der Forscher. "Die modernmenschlichen Siedler wanderten in ein bereits über einige Tausend Jahre bevölkerungsleeres Gebiet ein."


Lage des Fundplatzes Potočka zijalka (s. roter Pfeil o.l.) in Slowenien im Hochgebirge (1630 m ü. HN). Der rote Pfeil deutet auf den Höhleneingang. | Copyright: Luc Moreau, MONREPOS

Auch die Ergebnisse der Untersuchungen der Steinwerkzeuge, die immer wieder als Hinweis auf eine kulturelle Kontinuität zwischen Neandertalern und anatomisch modernen Menschen angeführt werden, entziehen dieser Diskussion den Boden: "Die Steingeräte zeigen keinerlei neandertalertypische Kennzeichen, sondern spiegeln technologisch, logistisch und typologisch allein charakteristische modernmenschliche Verhaltensweisen des Aurignacien wider."

Die Befunde seien auch insofern bemerkenswert, als zwei der Fundplätze im alpinen Hochgebirge liegen. Fertige Waffen und 90 Prozent des Steinrohmaterials aus einem über 20 Kilometer und 500Höhenmeter entfernten Flusstal wurden eigens zu den 1600 Meter hoch gelegenen Jagdplätzen geschafft und hier offenbar sogar gehortet: allein in der Höhle "Potocka zijalka" wurden 125 Knochenspitzen gefunden. Diese Befunde belegen vorausschauendes Planen und eine ausgefeilte Logistik der Hochgebirgsjäger, die die Höhle immer wieder kurzzeitig aufgesucht haben. "Diese Art des Risikomanagements und die bis ins Detail geordnete Logistik sind typisch modernmenschliche Verhaltensweisen", so der Moreau abschließend.


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