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Runen:

in Cumhachd - Damhain Alla: 01.02.2010 15:47
von Atlan • Nexar | 14.588 Beiträge

Die Runenreihe neigt sich ihrem Ende entgegen.
In dieser Ausgabe der Damháin Alla wird es um
Formen der magischen Anwendung von Runen gehen
– dabei beschränken wir uns nicht nur auf praktische moderne Runenmagie,
sondern beschäftigen uns auch mit den historischen Zeugnissen und Quellen,
insofern diese uns Auskunft über Praktiken runischer Magie geben können.

Sprechen wir heutzutage von Runenmagie, so kann es dabei natürlich nicht
um eine Form historisch oder ethnologisch authentischer Magie gehen.

So beliebt das Wort „Rekonstruktionismus“ in der neopaganen Szene auch sein mag,
rekonstruieren kann man doch immer nur das, was durch Quellen zumindest annähernd belegt ist.
Doch eben diese geben nicht gerade viel her
- man denke nur an die ausufernde Diskussion um das Für und Wider des modernen Seydr.

Zwar sind uns aus der Edda, den Sagas und auch aus archäologischen Befunden
zahlreiche Zaubersprüche überliefert, doch fehlt uns oft der magisch-rituelle Kontext.

Auch Vergleiche mit finno-ugrischen, slawischen und baltischen Stammesgesellschaften
können in diesem Bereich nur Anhaltspunkte liefern, selten konkrete Antworten.

Dies trifft auf die Runenmagie im Besonderen zu;
der historische Umgang mit den Runen in der magischen Praxis bleibt uns größtenteils ein Rätsel.

Wenn ich in diesem Artikel also einige Beispiele moderner Runenmagie aufzähle,
so handelt es sich dabei zweifelsohne um Formen moderner Magie,
die mit ihren historischen Vorbildern höchstwahrscheinlich
nur noch einige wenige Berührungspunkte aufweisen.

Will man die historische Bedeutung runischer Zauberei dennoch zu verstehen versuchen,
muss man sich ganz allgemein über die magische Bedeutung von Schriftzeichen im Klaren sein.
Galt schon das gesprochene Wort selbst als wirkmächtig,
so war es das für die Ewigkeit festgehaltene Wort – also die Schrift – umso mehr.


In allen frühen Kulturen galt die Schrift als magisch.
In Stein gehauene Inschriften sollten die Geister der Toten davon abhalten,
in die Welt der Lebenden zurückzukehren und beschriebene
und vergrabene Fluchtäfelchen dienten dazu,
die Wünsche und Gebete des Senders wahr werden zu lassen.

Der weltbekannte Codex Hammurapi ist mehr als eine Gesetzessammlung;
er ist eine Geste der Herrschaftsbekräftigung und -erneuerung,
der eine tiefe magische Macht innewohnt.

Doch nicht nur Mesopotamien, sondern auch Ägypten führt uns
die Macht des manifesten Wortes vor Augen:
Wollte man die Macht eines Pharaos postum vernichten,
so zerschlug man die Namenskartuschen an den von ihm in Auftrag gegebenen Bauwerken.

Die älteste verbürgte Runeninschrift ist jene auf der Fibel von Meldorf
und datiert ins erste Jahrhundert nach Christus.

Die Kunst des Runenschneidens war nicht vielen bekannt.
Man kann davon ausgehen, dass sie in Schreibschulen tradiert
oder vom Vater an den Sohn weitergegeben wurde.
Schon allein aus diesem Grund war sie ein Gegenstand
der Ehrfurcht und des Staunens für das einfache Volk.

Segen und Flüche, die schon ausgesprochen sehr stark sein konnten,
entfalteten eine noch viel größere Wirkung, sobald sie von einem Runenmeister,
dem ekilar, in einen Stab eingeritzt oder eingebrannt bzw. in Stein gehauen wurden
und dadurch fast unbegrenzte Zeit wirken konnten.

Mit welcher Ehrfurcht dabei vorgegangen wurde, zeigt uns zum Beispiel die norwegische Eggjum-Inschrift,
aus der hervorgeht, dass Runen nur bei Nacht eingehauen wurden
und dass man dabei kein Eisen gebrauchte.

Oft entschuldigen sich die Schreiber runischer Inschriften im Rahmen der Inschrift
gar für ihre mangelten Handfertigkeiten.

Das Wort rúna lässt zudem vermuten, dass die Zeichen ursprünglich
für die Aufzeichnung gemurmelter (geraunter) Zaubersprüche verwendet wurden
und nicht etwa für laute vorgetragene Anrufungen,
wie man sie heute zum Beispiel immer wieder im Hammerritual erlebt
(das nichtsdestotrotz sehr wirkungsvoll sein kann und auch von mir genutzt wird).

Diesem Runenritzen – sowohl dem Ritzen von Zaubersprüchen,
als auch dem einzelner Zauberrunen – kam in der nordischen Magie scheinbar
eine herausragende Rolle zu und die Anwendungsbereiche waren vielfältig.

Das sigrdrifumal (Lied von Sigrdrifa) der Älteren Edda gibt Auskunft:

Siegrunen konnten vor der Schlacht auf die Schwerter und die Schildinnenseiten geritzt werden;
Seerunen schützen – auf Rudern und Standarte angebracht – das Schiff vor schwerer See,
eine mit Runen bedeckte Neidstange sollte als Grenzmarkierungen Feinde aus dem Land fernhalten;
Wiedergänger sollten daran gehindert werden dem Grab zu entsteigen
und Grabräuber daran sich an der Ruhestätte zu vergreifen.

Man darf sicherlich vermuten, dass die entsprechenden Zauberformeln
während der Ritzung halblaut gemurmelt wurden.
Dabei waren es nicht nur ganze Zaubersprüche und Mahnungen,
die auf Holz und Stein gebannt wurden, sondern natürlich auch Einzelrunen,
denen eine besondere Bedeutung zu kam – man spricht von Begriffsrunen.

Das dem so war, bezeugen zahlreiche vermeintlich „sinnlose“ Runeninschriften,
wie zum Beispiel die auf dem Lanzenschaft von Kragehul (gagaginu)
oder jene auf dem Knochenstück von Lindholm (aaaaaaaaRRRnnnnbmutttalu);
oft taucht auch einfach das gesamte Futhark auf.
Dies zeigt uns, dass nicht nur den Inschriften, sondern schon den bloßen Symbolen
magische Kraft innewohnte.

Mit der magischen Bedeutung dieser Begriffsrunen haben wir uns bereits
in der zweiten Ausgabe der DA befasst; hier nur einige Beispiele,
die uns die fünfte bis zwölfte Strophe des sigrdrifumal liefert:

Teiwaz, die Rune des Tyr, ritzte man für den Sieg,
Laguz zum Schutz vor Vergiftung und Naudhiz gegen Hexen und andere gefährliche Frauen.

Runen wirken zudem unabhängig vom Gegenstand, an welchen sie geheftet wurden.
So schabt Egil in der gleichnamigen Saga die für einen Krankheitszauber verantwortlichen
Runen nicht nur vom Trägerknochen, sondern wirft die Knochenspäne anschließend ins Feuer,
um die Runen auch wirklich zu vernichten.

Andererseits glaubte man, sich die Kraft der Zauberzeichen aneignen zu können,
wenn man die beim Runenschnitzen in Holz oder Knochen anfallenden Späne
in Met oder Äl warf und anschließend trank – man spricht von Äl- oder Bierrunen,
die oft Verwendung fanden, um Weisheit oder Redekunst zu erlangen.

Der dem Alkohol geschuldete Rausch galt den Germanen,
wie auch anderen Völkerstämmen, als Zustand göttlicher Inspiration,
als heilige Ekstase, solang er sich in Grenzen hielt.

Wohl auch deshalb nutzte man ihn als Träger für die Asche oder die Späne abgeschabter Runen.
Einen direkten Hinweis auf diese Praxis finden wir in der 18.  Strophe des sigrdrifumals:

allar vóru af skafnar þær er vóro á ristnar „Abgeschabt waren alle [Runen], die eingeritzt waren
ok hverfðar við inn helga mioð und in den mächtigen Met gemischt
ok sendar á viða vego. und weiten Weg gesandt.“


In der heutigen Runenmagie wird man für diese Art des Zaubers
am häufigsten die Verwendung von Asche vorfinden.
Schreibe deine Runen bzw. deinen runischen Zauber auf ein Stück Papier und
verbrenne es direkt über einem Becher Met, Bier oder Wein.
Mische die Asche mit dem Getränk, konzentriere dich auf
die Runen/deinen Willenssatz und leere den Becher.

Abgesehen davon gibt es zahlreiche Möglichkeiten, mit den Zeichen zu arbeiten,
wenn du einen Runenzauber wirken willst
- leiten wir also langsam zur neuzeitlichen Runenmagie über.

Zunächst einmal gehe ich natürlich davon aus,
dass du deinen Zauber entweder für dich persönlich übst oder,
wenn du für andere zauberst, nur mit deren Einwilligung vorgehst.

Die Runen solltest du entweder auf Papier schreiben oder direkt dort anbringen,
wo sie gebraucht werden.
Hast du also Probleme mit schriftlichen Arbeiten oder mit der Konzentration,
so ist es sicher nicht verkehrt, die entsprechenden Runen
an der Unterseite deines Schreibtisches anzubringen.

Zauber, die der Illumination/Selbstverzauberung dienen, sollten am Körper getragen werden,
entweder direkt auf die Haut gezeichnet oder auf ein Stück Papier,
welches du unter der Kleidung trägst und mit Sicherheitsnadeln oder Tesafilm befestigt hast.

Wie und mit welchen Mitteln man die Runen farbig ausgestaltet,
beschrieb ich bereits in der 10.  Ausgabe der DA,
wobei für das Zeichnen von Runen natürlich andere Voraussetzungen gelten
als für das Einfärben der geschnitzten Symbole.

Blut empfiehlt sich immer, aber manchmal tun es auch schon verschiedene natürliche Farbstoffe,
wie zum Beispiel Henna, wenn es um das Zeichnen auf der eigenen Haut geht,
oder auch ganz profan Kugelschreiber oder Permanentmarker,
die sich sowohl für die Haut, wie auch für Papier eignen.

Willst du keinen Inschriften-, sondern einen Symbolzauber nutzen,
so gibt es für dich mehrere Möglichkeiten.
Zunächst einmal kannst du die Runen natürlich einfach nebeneinander schreiben. Zum Beispiel so:

Diese Runenkombination ist ein Beispiel und soll Streit innerhalb einer Gruppe schlichten.
Links steht Gebo in Form des Andreaskreuzes für den Ausgleich,
es folgen Mannaz für die Gemeinschaft und Wunjo, die Wunschrune, als Verstärker des Zaubers.

Nun kann man die drei Runen aber auch zu einer Form zusammenfassen
und somit zu einer Sygille verbinden. Wir sprechen von Binderunen.
Das Ergebnis könnte in diesem Fall so aussehen:

oder sogar auf diese Form reduziert werden, in der bereits alle drei Symbole enthalten sind:


Die Niederschrift bzw. das Einritzen einer solchen Binderune sollte optimalerweise
von einer Beschwörung/einem Zauberspruch begleitet werden,
der den phonetischen Wert jedes der drei Symbole mit einschließt
(für die phonetischen Zuordnungen vgl. DA, Ausgabe 2).

In unserem Fall könnte ein Beispiel folgendermaßen aussehen:


„Gebt meinen Männern wahre Weisheit“

Auch ist bei Binderunen zu beachten, dass sich nicht durch Zufall neue Runen einschleichen,
die im Zauber eigentlich nichts verloren haben.
Ein Naudhiz, Hagalaz oder Thurisaz an der falschen Stelle kann einen Zauber verderben
und im schlimmsten Falle gar Schaden anrichten.

Andere Runen wie Gebo, Wunjo oder Jehra schaden hingegen niemals
und können getrost auch als „Lückenfüller“ auftauchen;
oftmals wirken sie sogar verstärkend.

Auf Jehra sollte man jedoch verzichten, wenn man schnelle Ergebnisse sehen will,
da es die Rune des langsamen (positiven) Wandels ist.
Doch es gibt auch noch eine dritte Möglichkeit, unsere Dreierkombination darzustellen
und zwar indem wir über den Zahlenwert gehen.

IIIIIIII IIIIIII IIIIIIIII

Dies wirkt zunächst einmal sehr wild; eine wilde Aneinanderreihung kursiver und gerader senkrechter Striche.

Wie wir wissen, teilt sich das Ältere Futhark in drei Spalten (aettir) zu je acht Zeichen auf,
von denen Mircea Eliade glaubte, dass sie, wie auch andere ältere Alphabetsysteme,
auf die drei Mondphasen zurückgehen.

Eigentlich bedeutet unser Strichcode also folgendes:

siebentes Zeichen des ersten Aett, gefolgt vom vierten Zeichen des dritten Aett,
gefolgt vom achten Symbol des ersten Aett – also nichts anderes als Gebo-Mannaz-Wunjo,
womit sich wieder unser Beispielzauber ergibt.

Durch einen durchgehenden Verbindungsstrich wird die Bündelung
der drei Runen im Rahmen des Zaubers hervorgehoben.

Über eine zahlenmystische Bedeutung der Runen ist in der Vergangenheit viel spekuliert worden.
Wissenschaftler wie S.  Agrell, M.  Olsen oder J.  de Vries hielten viel von diesem Ansatz
und liefern überraschend viele Beispiele, in denen uns die Zahl 24, die Gesamtheit der Zeichen des Futhark,
oder Vielfache derselben als Quersumme runischer Inschriften begegnen.

Es scheint also nicht nur so gewesen zu sein, dass
den Zeichen selbst magische Wirkung zugesprochen wurde,
sondern man scheint oft auch darauf geachtet zu haben,
dass die Zahlenwerte der Inschriften die richtige Quersumme ergaben.

Damit ließen sich einige orthographisch katastrophale Runenfolgen erklären,
bei denen offensichtlich Zeichen fehlen oder zusammengezogen wurden
oder Trennzeichen nur unregelmäßig auftauchen.

Hier scheint es dem Schreiber vielmehr darauf angekommen zu sein,
dass am Ende der Zahlwert stimmte und dabei konnte man getrost auf einige Zeichen verzichten,
solange der Sinn der Inschrift gewahrt blieb.

Wie wir sehen, bieten runische Zauber eine Vielzahl von Anwendungsmöglichkeiten,
ob als Inschrift, Begriffsrune, Sygille oder Zahlencode.

Im neonordischen Schamanismus nach Freya Aswynn wird jeder der neun Welten
eine bestimmte Begriffsrune zugeordnet.
Je nach Herangehensweise können sie sich als vergleichsweise simples System
oder auch erstaunlich komplex präsentieren.

Runen finden nicht nur im rekonstruierenden Neuheidentum,
sondern inzwischen auch in der Ritual- und Chaosmagie
und bei zahlreichen freifliegenden Gruppen Verwendung.

Vielleicht möchte sich auch der ein oder andere geneigte Leser nun näher
mit dem interessanten und facettenreichen System der nordischen Runen auseinandersetzen.

Charon


Quellen:
De Vries, Jan, Altgermanische Religionsgeschichte, 1970
Die Edda
Düwel, Klaus, Runenkunde, 2001
Krause, Wolfgang, Was man in Runen ritzte, 1935

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zuletzt bearbeitet 02.05.2014 21:41 | nach oben springen
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